Streckenplan
Ostseeküsten-Radweg > von Flensburg bis Usedom (ohne Insel Rügen)
| Ungefähre km-Angabe | Streckenverlauf |
| Einen kompakten Streckenplan der Ostseeradroute finden Sie unter http://www.rad-reise-service.de/tour865.html (den Ikon "Streckenplan" anklicken) "Flausen im Kopf" (Ein Reisebericht von Sabine Lorenz) Vorwort: Entlang der deutschen Ostseeküste von Flensburg nach Ahlbeck auf Usedom mit dem Fahrrad zu fahren – diese Idee hatte mich irgendwann fasziniert und ließ mich nicht mehr los. Immer wieder ging es mir durch den Kopf, ob dazu ein dreiwöchiger Sommerurlaub reichte, ob ich das hinbekäme. Irgendwann habe ich dann auf der Landkarte nachgemessen, es waren etwa 900 Kilometer, könnte also klappen ... wenn das Wetter immer gut wäre ..., wenn das Fahrrad optimal ausgestattetet würde ..., wenn ich nach ungefähr 60 Kilometern Tagesetappe eine Unterkunft bekäme ..., wenn ich regelmäßig, das heißt spätestens nach drei Tagen auf dem Rad, einen Tag Pause machte ... ... wenn das Wörtchen "wenn" nicht wär’ ... . Und schon waren die Vorbereitungen in Gange: Radinspektion, bei der pannensichere Reifen aufgezogen wurden, Fahrradkarten besorgen, Routen abstecken, wobei ich hocherfreut feststellte, dass ich die mir vorgenommenen Ruhetage zum Bummel durch Kiel und die Hansestädte Lübeck, Wismar, Rostock und Stralsund nutzen konnte, die ich mir ohnehin habe ansehen wollen. So konnte ich die Tour auf weniger als drei Wochen ansetzen und die verbleibenden Tage für die Erkundung der ostseeabgewandten Boddenlandschaft von Usedom nutzen. Der Stapel an Unterkunftsprospekten wuchs und wuchs. Täglich gingen mehrere Anfragen per Fax raus, wer mir und meinem Fahrrad mitten in der Saison für nur ein oder zwei Nächte Unterkunft gewähren würde. Kam wieder eine Absage oder nach zwei Wochen noch keine Antwort, hieß es weitersuchen. Doch in der Hauptsaison (Mitte Juli bis Anfang August) ohne Voranmeldung losfahren wollte ich auf keinen Fall. War vielleicht "im Kittchen noch ein Zimmer frei"? Es dauerte fast drei Monate – und kostete in dieser Zeit jede Menge Nerven, würde die Tour gar am Verhalten der Beherbergungsbetriebe scheitern? ... -, bis nach nahezu hundert Anfragen dann die gewünschten "Zimmer mit Einstellplatz für mein Fahrrad" reserviert waren. Eine breitgefächerte Mischung an Unterkünften, vom Privatvermieter bis zum schicken Hotel, von abseits und sehr ruhig gelegen bis mitten im Trubel, erwartete mich. Das war das Wichtigste, doch noch nicht alles, ich musste regendichte Fahrradtaschen beschaffen, ein paar schnelltrocknende Kleidungsstücke besorgen und einige weitere Kleinigkeiten bedenken – von denen sich die "Dose für zwei Bananen" als größte, letztendlich jedoch nicht unüberwindbare Schwierigkeit erwies J . |
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| Anreise und Flensburg "Flensburg ist ein schönes Städtchen ..." Die Altstadt von Flensburg bietet so viel Sehenswertes, dass der Stadtbummel einen halben Tag dauerte. Das liegt daran, dass ... ... das Nordertor aus dem Jahr 1595 einen schmucken Staffelgiebel mit dem Stadtwappen und dem königlich-dänischen Wappen hat, ... ... an der Schiffbrücke im Museumshafen einige Traditionssegler liegen, ... ... im Zollpackhaus von 1842 heute ein Schifffahrtsmuseum untergebracht ist, ... ... man laut Reiseführer das Flensborg-Hus (auf der Norderstr. 76) unbedingt gesehen haben sollte, wenn man es dann gesehen hat sich fragt, warum, ... ... das Alt-Flensburger Haus (Norderstr. 8) sicherlich sehenswert ist, ... ... die Kompagniestraße, eine alte Gasse zum Hafen, mit Fachwerkhäusern gesäumt ist, an der sich eines der ältesten Gebäude, das 1583 erbaute ehemalige Pastorat von Sankt Marien befindet, ... ... das Kompagnietor mit dem Zunfthaus der Schiffer und Kaufleute von 1602-04 das Stadtwappen von 1603 im Giebel zeigt, ... ... in der Marienstraße zwanzig denkmalgeschützte Gebäude stehen, ... ... das Rumhaus Johannsen das kleinste, älteste und zugleich das einzige noch produzierende Rumhaus in Flensburg ist, ... ... die Marienkirche von 1284, mit ihrem Altar aus dem Jahr 1598, ihren Besuch lohnt, ... ... die Schrangen (Bogengänge) neben der Marienkirche schief und krumm sind, ... ... alte Speicher, wie der ehemalige Amalie-Lamp-Speicher, (Speicherlinie 40), dazu Überreste und Tore alter Handelshöfe, die teilweise über schmale Zufahrten zu erreichen sind, diese Gegend ausmachen, ... ... von denen der Brasseriehof (Große Straße 42/44), einer der schönsten Handelsspeicher ist und dessen alte Ladeluken mit Aufzugserker gut erhalten sind, ... ... auch der Westindienspeicher von 1791 (Große Straße 24) ein Schmuckstück der Altstadt ist, ... ... wie auch Ratsapotheke aus dem Jahr 1603 (Holm 13) und das ehemalige Stadtpalais aus dem 19. Jahrhundert (Holm 10) Nach einem leckeren Abendessen (eingelegte Heringe mit Bratkartoffeln) machen sich der fehlende Schlaf der letzten kurzen Nacht zu Hause und aufkommendes Reisefieber gleichzeitig bemerkbar doch dann siegt die Müdigkeit. (Übernachtung im Landhotel Eric, Glücksburger Straße 177 in Flensburg, einem freundlichen Haus mit ordentlichem Frühstück.) |
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| 76 km | Es geht los! Nervosität am nächsten Morgen, nun ging es wirklich los, ich hatte mich mehrfach in den Arm gekniffen! Auf zur Ostseeküsten-Fahrradtour - meiner Tour, von der ich so lange geträumt hatte. Für diese musste ich ab jetzt auf gutes Gelingen hoffen und war fest entschlossen was ich konnte dazu beizutragen. Vom Hotel im Stadtteil Jürgensby führte die Straße zunächst bergab, der Fahrtwind wehte alle Bedenken weg. Oder die ersten Meter mit dem bepackten Drahtesel nahmen meine volle Konzentration in Anspruch. Unten angekommen hatte ich auch keine Zeit mich aufkommendem Lampenfieber hinzugeben, es galt, die richtige Ausfahrtstraße nach Mürwik an der Flensburger Förde zu finden. Von dort führte ein ausgeschilderter Radweg meist bergab am Waldrand entlang bis zum im Jahr 1585 errichteten Wasserschloss Glücksburg. Nach einer kurzen Fotopause dort habe ich mir noch die Salzwiesen im trockengefallenen Noor und den Leuchtturm von Holnis angesehen. Der Strand war bei fehlendem Sonnenschein fast menschenleer, aber auf den Wegen der Landzunge herrschte reger Betrieb durch Fußgänger und Radfahrer. Holnis ist ein beliebtes Ausflugsziel, das sicherlich einen längeren Aufenthalt verdient hätte, doch ich hatte noch einige Kilometer an diesem Tag vor mir. Jede Mühle ist für mich (zunächst) ein Ziel. Doch leider wurde die im Jahr 1876 in Betrieb genommene Mühle "Steinadler" in Westerholz mit einem verschandelnden Anbau versehen, in dem ein Restaurant ist. Die anstrengende Steigung hinauf zur Mühle hatte sich nicht gelohnt, sie wäre jedoch unumgänglich gewesen. Hügel rauf und Hügel runter, das hält Radfahrer munter – schien das Motto derer gewesen zu sein, die den Ostseeküsten-Radweg durch das Hinterland geführt haben. Hinauf musste ich oft absteigen, mit dem Gepäck am Rad konnte ich Steigungen von 8% oder mehr nicht befahren. Und runter auch nicht einfach rollen lassen, dann wäre nur fliegen schöner gewesen, aber bitte nicht auf die Nase. Zur Belohnung für diese streckenweise Plackerei konnte ich am Wegesrand Himbeeren pflücken. Das Leuchtfeuer von Neukirchen kann man in den Sommermonaten nicht einmal vom Strand aus sehen, so zugewachsen ist das auf Privatgrund stehende Signal. Dafür fiel mir die hölzerne im Verfallen begriffene Seebrücke auf, die offenbar ehemals militärischen Zwecken gedient hatte. Ein mehrere Meter hohes eisernes Gitter mit Stacheldraht umwickelt verhinderte den Zutritt. Alle paar Meter waren inzwischen zerbrochene Scheinwerfer angebracht, überall Rost. Ein unschöner, fast gruseliger Anblick. Lieber weg hier. Ein idyllisches Fleckchen ist das Geltinger Noor. Dort drehte einst, und zwar seit 1824, die Schöpfmühle "Charlotte" ihre Flügel im Wind. Wann sie als Wohngebäude umgebaut wurde, ist mir nicht bekannt. Jedenfalls war sie in diesem Sommer bewohnt, denn vor der Tür stand eine große, hässliche Mülltonne, die ich um ein Foto zu machen beiseite geräumt habe. Dafür gibt es nun ein hübsches Bild von Charlotte im Album. Klar, auch eines vom Leuchtturm Falshöft, ohne vorherige Umräumarbeiten. Die Strecke mit ihren ungezählten Anstiegen und Abfahrten war noch nicht anstrengend genug, bei Gelting führte der Ostseeküsten-Radweg dann noch am feinsandigen Strand entlang. Der beladene Moritz, ich schätze das Gepäck auf mindestens 15 Kg, sackte bis über die Felgen in den Sand ein. Da ich nicht wusste wie weit ich schieben musste, habe ich mich bis zum Spülsaum durchgekämpft, dort war der Boden etwas fester. Dafür lief ich am Wasser und erfreute mich meiner Goretex-Schuhe. Es war nicht wirklich weit bis zum nächsten Aufgang, doch ich war ziemlich sauer über diesen Schwachsinn, denn die Schieberei war nicht nur ermüdend, auch Fahrradkette und -kränze waren voller Sand und mussten erst einmal sauber gemacht werden, ehe ich weiterfahren konnte. Das 76 km entfernte Tagesziel, Kappeln an der Schlei, habe ich am Spätnachmittag erreicht und bin - nach dem Wäschewaschen versteht sich - trotz der beschwerlichen Tour noch durch die Stadt gebummelt: Umgeben von Wohnhäusern steht mitten im Ort seit 1888 die Mühle "Amanda", ein vierstöckiger Galerieholländer mit einer Kappenhöhe von 21 Metern – Amanda ist somit weithin sichtbar, doch schlecht zu fotografieren. In der Altstadt dominiert die Nicolaikirche, erbaut um 1790. Sie ist jedoch nicht wirklich gewaltig. In ihrer Umgebung stehen das Rathaus und noch ein paar nett anzusehende Kleinbürgerhäuser, ansonsten ist die gemütliche Altstadt geprägt von urigen Kneipen und Biergärten. In der "Bierakademie", dem "Institut für Bierologie und Hektoliteratur", finden die Seminare täglich ab 10.00 Uhr statt. Doch ich entschied mich für ein dänisches Softeis als Nachtisch zur Paprikapizza. Einen schönen Blick auf die Silhouette mit den Schornsteinen der Räucherei hinter dem Schiffsanleger sowie über die Schlei und mit den markanten Heringszäunen hat man von der (im Jahr 2004 erneuerten) Drehbrücke, welche die Landschaften Angeln und Schwansen miteinander verbindet. (Übernachtung in Thomsens Motel Kappeln, Theodor-Storm-Straße 2 in Kappeln, wo ich trotz Verkehrslärm bis in die Nacht hinein und schon ab früh morgens gut geschlafen habe.) |
| 54 km | Bekanntes Ziel Eckernförde Als um 8.00 Uhr das Frühstück gereicht wurde, stand Moritz – so heißt mein Drahtesel - schon beladen auf dem Hotelparkplatz. Das Tagesziel hieß schließlich Eckernförde und der Weg dorthin war vielversprechend. Der Wanderweg nach Arnis an der Schlei entlang ist für Fuß- und auch für Radwanderer freigegeben. Es nieselte leicht, da waren nur wenige Leute mit ihren Hunden unterwegs. Ich hatte Urlaub, fast noch drei Wochen vor mir und ich strampelte auf meinem Rad durch diese herrliche Landschaft, konnte die klare Luft Norddeutschlands genießen ... . In der winzigen Schifferkirche in Arnis, errichtet um 1673, fallen innen die Votivschiffe auf und außen der hölzerne Glockenturm. In Arnis ist alles Miniatur, die Kirche, der Friedhof, das Rathaus und die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Wohnhäuser, selbst die uralten Linden entlang der Straße scheinen kleiner als anderswo. Die schmucken Türen sind farbig gestrichen und mit Schnitzereien verziert. Außerhalb, auf einer Anhöhe, steht die Mühle der kleinsten Stadt Deutschlands. Eigentlich hätte ich darauf kommen können, dass der Weg wieder hügelauf, hügelab führte wenn ich von einer Windmühle zur anderen fahre. Doch ich war erstaunt und ein wenig genervt, dass zwischen den Mühlen in Arnis, in Lindau und in Brodersby sich wieder Steigungen und Gefälle abwechselten. Hier konnte ich zwar fahren, es war nicht so steil, doch anstrengend. Oberhalb der Schlei, auf der Schleidörferstraße, entlang zu radeln war ein Vergnügen, Autoverkehr gibt es dort selbst in der Hauptsaison kaum. Vielleicht ist ein Geheimtipp diese Strecke ohne großes Gepäck zu fahren. Von der Missunder Fähre sind es nur wenige Kilometer bis Eckernförde, die 54 Kilometer von Kappeln aus hatte ich bereits zur Mittagszeit bewältigt. Der Radweg in die Altstadt ist sehr gut ausgeschildert und dort kenne ich mich ganz gut aus. Moritz hatte wohl Sehnsucht nach Jacobsens Fahrradwerkstatt, er bekam dieses Mal einen neuen Ständer. (Der Service bei dem seit über 50 Jahren auf der Kieler Straße ansässigen Händler ist immer wieder spitzenmäßig!) Den Nachmittag habe ich zum Altstadtbummel genutzt. Der schnellste Weg dorthin führt über die Holzklappbrücke (von 1872) am Fischereihafen. Hier liegen immer irgendwelche Fischerboote, von denen aus eben angelandeter Fisch verkauft wird. Daneben ist ein alter Hochseekutter festgemacht, hat einen Räucherofen und ein paar Tische und Bänke an Bord. Vom Fischer nebenan geholt, in den Ofen gehängt und noch warm serviert bekommt man dort Aale, Heringe, Lachs oder Flundern so frisch wie nirgendwo sonst – wenn man etwas abbekommt von einer Ofenfüllung. Schmuckstück der "Schiffsbrücke" ist der alte Leuchtturm. Den Blick zum blau-gelb geringelten Leuchtturm und hinüber zur Kirche von Borby liebe ich, es schien sogar die Sonne! Dahinter erstreckt sich die alte Gasse namens "Kattsund". Dicht an dicht stehen die winzigen, windschiefen Fischerhäuser, dazwischen Kopfsteinpflaster. Die Fischerfiguren auf dem Jarg’schen Haus haben schon seit 50 Jahren den Überblick. Vor vielen Fenstern wuchern Malven, dänische Atmosphäre macht sich breit. Vom Kattsund zweigen mehrere dieser romantischen Gässchen ab, durch die man auf vielen Wegen zum Strand kommt oder in die Innenstadt. Sehenswert dort sind ... ... das Rathaus aus dem 16. und 17. Jahrhundert, ... ... die St. Nicolai Kirche (Dom) mit ihrer Kanzel von Hans Gudewerdt d.Ä., dem Altar aus dem Jahr 1640 von Hans Gudewerdt d.J. sowie der im Jahr 1578 entstandenen Gewölbebemalung, ... ... die riesigen uralten Linden, die auf dem Dom-Vorplatz einen Martini trinkenden Gästen Schatten spenden, ... ... und der Gänsemarkt, heute eher ein großer Biergarten. Ansonsten reiht sich ein Geschäft ans andere, Kleidung, Bücher, Spielwaren, Schmuck, alles wird angeboten. Dahinter kommt gleich schon wieder der Strand, das ist das Schöne an Eckernförde. Dort entlang bin ich bis zum Seglerhafen gegangen und wieder in der Altstadt verschwunden. Hatte die "Fischdeel" vielleicht schon auf? Dass dort immer noch "Steinbeißer gedünstet in Trauben-Dillsoße" auf der Speisekarte stand hatte ich bei meinem Streifzug durch den Kattsund schon ausgekundschaftet ... . (Übernachtung im Hotel "Alte Fischereischule", Sehestedter Straße 77 in Eckernförde in einem geräumigen, sehr nett eingerichteten Zimmer. Das Frühstücksbuffet war mit einer reichlichen Auswahl frischer Leckereien hergerichtet.) |
| 45 km | Durch den Dänischen Wohld und das Schwedeneck an die Kieler Förde Morgens um sechs ist die Welt noch in Ordnung - die Sonne weckte mich recht früh und das war gut so. Zwar hieß es Abschied nehmen von Eckernförde, meine Neugierde auf den weiteren Weg jedoch trieb mich voran, an Altenhof vorbei hinaus aus der Stadt. Ein aussichtsreicher Weg führte durch das leicht hügelige Gelände oberhalb der Küste des Dänischen Wohld. Felder mit Mohn und Kornblumen im Wechsel mit einem kleinen Wald. Die bewaldete Düne Noer ist Naturschutzgebiet. Im Schwedeneck, bei Dänisch Nienhof, trutzt das Stohler Kliff der See. Von hier bot sich ein mir bislang unbekanntes Bild, der Leuchtturm Kiel weit draußen lag ausnahmsweise im Sonnenschein. Gegenüber an Land steht der Leuchtturm Bülk, ein beliebtes Ausflugsziel mit Gartengastronomie. Von dem angebotenen Cappuccino hätte ich gerne eine Tasse getrunken, wäre er nicht aus Tütenpulver und mit Wasser aus der Thermoskanne zubereitet worden; von lauwarmem Wasser hatte ich für heute eigentlich genug. Das Trinkwasser in der Gepäcktasche hatte inzwischen allerdings annähernd die gleiche Temperatur (worüber ich mich freute, denn die Sonne war Verursacher – Inkonsequenz eines Radwanderers). Im Sommer verkehren kleine Fähren kreuz und quer über die Kieler Förde. Von Strande aus konnte ich nach Laboe rüberfahren, Platz an Bord auch für den dicken Moritz war genug. Eigentlich hätte ich 4,00 € für mich und auch nochmals für das Fahrrad bezahlen müssen, doch der Kassierer meinte, "das Rädchen" habe er nicht gesehen. Eine Viertelstunde später konnte ich auf der anderen Seite wieder aussteigen und hatte den Weg durch die Kieler Innenstadt vermieden. Vom Anleger in Laboe führt ein Radweg am Wasser entlang durch den Wald Richtung Heikendorf und weiter nach Möltenort. Dabei ist ehemaliges Militärgelände zu überqueren, wozu eigens für (Rad)Wanderer eine Brücke errichtet wurde, in deren Mitte eine sehr breite Treppe sich befindet. Die Fahrrinne der Rampe ist jedoch so schmal und nahe am Geländer, dass ein Fahrrad mit Gepäcktaschen drauf dort nicht geschoben werden kann. Das gesamte Gepäck muss man abbauen, drei hohe Treppen hinauf und auf der anderen Seite wieder hinunter schleppen, dann das Rad rüberholen und alles wieder aufladen – eine schweißtreibende Aktion, bei der alle bepackten Tourenradler, und derer waren reichlich unterwegs, lauthals fluchten. Die Wenigsten unter ihnen dürften die tolle Aussicht auf den gegenüber liegenden Leuchtturm Friedrichsort und auf die kleinen Fördefähren genossen haben. Auf diese Weise abgekürzt war die knapp 45 Kilometer kurze Tagesetappe in Heikendorf am frühen Nachmittag erreicht. Nach dem Wäschewaschen und Duschen wollte ich trotz einsetzendem Nieselregen am Fördestrand bummeln und gemütlich essen gehen. Die Luft war herrlich und machte hungrig, das Angebot im "Kleinen Strandhaus" las sich verlockend, dem "Loup de Mer mit Tomatenpesto auf Bandnudeln, dazu Ruccola-Tomaten-Salat" konnte ich nicht widerstehen. Von dem cremigen Dressing bekam ich noch das Rezept – man nehme zu etwa gleichen Teilen Balsamico, Olivenöl und Wasser, gebe einen Klacks Senf und etwas Honig dazu, schlage die Mischung zu Schaum und schmecke diesen mit Salz und Pfeffer ab. So einfach sind die kleinen (Salat)Freuden! (Übernachtung in einem kleinen Privatzimmer in Heikendorf. Das Frühstück durfte ich mir wünschen und bekam es mit einer Kerze auf dem Tisch serviert. Sogar duftendes Badeöl stand auf der Wanne bereit.) "Gruß an Kiel" Von Mönkeberg aus pendeln regelmäßig die Fördefähren auch zur Kieler Innenstadt. Die Fahrt dauert nicht einmal eine Stunde, dann legt das Boot beim Hauptbahnhof an. Zur Innenstadt gelangt man durch das Sophien-Center oder darum herum. Die Holstenstraße ist als Einkaufszone fußläufig und stellenweise breit genug für einen gemütlichen Biergarten unter großen, alten Bäumen in der Mitte. Die Einkaufsmöglichkeiten sind vielseitig, einige Geschäfte sind schon seit Kriegsende dort ansässig. Schön ist die Innenstadt aber nicht, nur am Stadtsee "Kleiner Kiel" mit ein paar wenigen alten Gebäuden gegenüber dem Ufer. Das Jugendstil-Rathaus wurde zwischen 1907 und 1911 erbaut. Ein weiteres Schmuckstück am Kleinen Kiel ist das hellgrau gestrichene Verwaltungsgebäude ebenfalls aus der Zeit des Jugendstils etwa 200 Meter weiter östlich. Folgt man der immer schmaler werdenden Holstenstraße weiter, gelangt man zum "Alten Markt" mit der Nicolaikirche aus dem 13. Jahrhundert (umgebaut um 1880). Die Kirche kann man besichtigen, eine eigenartige Mischung vom Barock bis zur Moderne. Um die kleine Kirche herum drängt sich die Bebauung, viel Platz für einen Markt ist da nicht. Dahinter erstreckt sich die Einkaufszone weiter und auf der Dänischen Straße 19, dem "Warleberger Hof" aus dem 16. Jahrhundert, befindet sich derzeit das Stadtmuseum Kiel. Der "Exer" bietet genügend Platz für einen großen Wochenmarkt mit vielseitigem Angebot, jedenfalls mittwochs und sonnabends. Zwischen den zahlreichen Obst- und Gemüsehändlern suchte ich nach einem Käsestand, genauer nach "Altem Holtseer". Der war bald gefunden, eine dicke Scheibe davon meine und ein Mohnbrötchen dazu - lecker! Als nächstes zur Ostseehalle - beim Schlagen der Rathausglocken um 9.00 Uhr am Samstag Morgen auf dem Parkplatz im Auto aufwachen, weil nach mehreren Stunden Fahrt die typischen Geräusche plötzlich ausblieben, wir waren wieder einmal angekommen. Weitere Bedeutung hatte die Ostseehalle damals nicht und das war auch einziger Sinn meines Besuches an diesem Tag. Eigentlich mag ich keine Einkaufszentren. Aber meine Füße waren dermaßen pflastermüde, dass ich im Sophien-Center nach einem Ruheplatz Ausschau halten wollte. Und das habe ich dort staunend und erfreut getan: kleine Geschäfte auf beiden Seiten entlang der Ladenstraße unter einem Glasdach, das Angebot vielseitig und qualitativ gut, die Atmosphäre gemütlich, viel Grün in Kübeln und leise Musik. In einem Nebengang bieten unterschiedliche Gastronomiebetriebe kleine Gerichte und vollgepackte Teller an, Platz nehmen kann man überall dazwischen. Mit einem Teller schmackhafter Kartoffelsuppe und einer riesigen Tasse Cappuccino verweilte ich dort für einige Zeit – nach Kiel zog mich wenig. Die Zeit bis zur Abfahrt der nächsten Fördefähre Richtung Mönkeberg habe ich dann noch zum Bummel über den im Entstehen begriffenen "Hörn Campus" mit Blick auf das neue Wohngebiet Kiel-Gaarden genutzt, ein attraktives Fleckchen. |
| 62 km + 72 km | Von der Landeshauptstadt Kiel ins Fischerdorf Hohwacht Dieser Tag begann mit Frühsport in der Disziplin Fahrradschleppen (über die bereits beschriebene Treppe zwischen Heikendorf und Laboe). Der Weg nach Laboe radelte sich gut, schnell war die Mühle von Laboe erreicht, die allerdings mitten in einem Wohngebiet stand und somit nicht fotogen war. Das Marine-Ehrenmal hat mir schon als Kind Unbehagen eingeflößt, dem wollte ich lieber schnell den Rücken kehren. Am Ende der Fördemündung gelegen hat Laboe einen herrlichen Sandstrand. Auf einem Weg direkt oberhalb der Ostseeküste entlang führte eine tolle Etappe mit viel Sonne und ohne Steigungen weiter nach Stein, am Leuchtturm Heidkate (das ist derjenige, der am Abend die Skandinavienfähren grüßt) vorbei und zum Leuchtturm Neuland (das ist derjenige, der sich hinter den Dünen versteckt). Im kleinen Ort Schönberger Strand scheint alles auf den Tourismus eingestellt zu sein, mit Bimmelbahn und Räuchereien. Dank des leichten Windes schräg von hinten war das 62 Kilometer entfernte Tagesziel Hohwacht am frühen Nachmittag erreicht. Einmal mit dem Fahrrad durch das Dorf und dann zu Fuß zum Strand. Bei herrlichem Sonnenschein habe ich noch einen ausgiebigen Spaziergang am Strand entlang in die eine Richtung und zurück oberhalb der Steilküste durch den Wald gemacht. So könnte jeder Tag ausklingen. Das ehemalige Fischerdorf (das heutige Alt-Hohwacht) macht einen gemütlichen Eindruck. Auf der Strandstraße gibt es drei Restaurants, die sich offenbar hinsichtlich der relativ hohen Preise abgesprochen haben. Doch das Essen war schmackhaft und danach war es herrlich am Seglerhafen in der Abendsonne zu sitzen. (Übernachtung im Strandhotel Hohwacht, Strandstraße 10-12 in Hohwacht. Das Zimmer war klein, das Bad winzig, doch das Frühstück entschädigte mit Auswahl und Frische. Es gab zum Tee sogar eine Teeuhr.) ___ hier gebinnt eine neu, 72 km lange Tagesetappe ___ Bonnie besuchen Gut gestärkt für die bevorstehende 72 Kilometer lange Tour ging es weiter zunächst Richtung Weißenhäuser Strand, zum Leuchtturm natürlich. Landschaftlich hatte sich gegenüber dem Vortag nicht viel verändert, der Weg führte bis Heiligenhafen fast direkt an der flachen Küste entlang. Heiligenhafen "... is man lütt ..." – aber voll. Menschenmassen bevölkerten den Marktplatz, auf dem ein Flohmarkt stattgefunden hatte. Da war kein Durchkommen mit einem bepackten Fahrrad. Schade, denn die kleine Stadt bietet allerlei Sehenswürdigkeiten, wie ... ... das Rathaus mit dem Spruch über der Tür "Heiligenhaven seggt se, is man lütt. Un an`n Radhus seggt se, hangt en Bütt, Un de Schiffahrt drievt se dor mit Macht, Hebbt twe Böd, seggt se, un en Jacht.", ... ... die Stadtkirche, errichtet im Jahr 1390, ... ... einen alten Salzspeicher und ... ... ein Backsteinfachwerkhaus von 1587 an der Hafenstraße. Irgendwie habe ich mich bis zum Hafen durchgedrängelt Das Gewühle erstreckte sich einige hundert Meter am Kai entlang; offenbar war Ziel der meisten Besucher die Fischhalle, in der frischer Fisch zum Kauf angeboten wurde und auch eine Fischküche ihre Leckereien zum Verzehr an langen Tischen anbot. Schade, dass ich keinen Hunger hatte, es sah verlockend aus. Am Leuchtturm Strandhusen vorbei und dann landeinwärts nach Neukirchen, wo ich als Kind öfter Urlaub gemacht hatte. Die Kirche, erbaut im 13. Jahrhundert mit Wandmalereien aus dem späten 14. Jahrhundert, steht auf einem Hügel mitten im alten Ortskern. Das Gasthaus "Zur Doppeleiche" (in dem der Hund namens Bonnie zu Hause war) hatte offenbar eine wechselvolle Nutzung erfahren, ein Schild wies es zwar noch als "Historisches Gasthaus" aus, doch das Haus stand leer mit bunten Plakaten beklebt und ohne die alten Eichen an der Ecke. Der gut ausgeschilderte Ostseeküsten-Radweg führte wieder zur Küste, entlang derer ich bei Dahme wieder radeln konnte. Heftiger Gegenwind ließ allerdings das ganz große Fahrvergnügen nicht aufkommen, dafür dunkle Wolken. Über die Seebrücke von 1979 bin ich deshalb nicht spaziert. Doch das Wetter hielt sich wie der Wind. Am Leuchtturm in Dahmeshöved standen unzählige Fahrräder, also habe ich meines mal dazugestellt. Den Leuchtturm kann man gegen ein Entgeld besichtigen, mit Führung. Die Radfahrer warteten offenbar darauf, im Pulk den Leuchtturm zu besteigen, ich fuhr dann lieber weiter. Von dort war es nicht mehr weit bis Kellenhusen. Hier vermieste eine Kirmes am Strand (sie nannten das Strandfest) mir die Lust ans Meer zu gehen; die Kurtaxe habe ich deswegen verweigert zu bezahlen. Wahrzeichen des kleinen (ehemaligen Fischer-) Ortes ist die Skulptur eines Fischers mit riesigem Fisch, auf die ich beim Stadtbummel traf, als es zu regnen begann. Wie praktisch, dass ich mir das Lokal zum Abendessen beim Streifzug durch das Dorf bereits ausgeguckt hatte. (Übernachtung im "Hotel Erholung", Strandstr. 1 in Kellenhusen. Zimmer und Bad mit Fenster waren sehr geräumig, das abwechslungsreiche Frühstück frisch zubereitet.) |
| 60 km | Vornehme Bäderstraße Die um die 60 Kilometer lange "Bäderstraße" (mit breitem Radweg an der Seeseite) zwischen den Urlaubsorten Dahme und Timmendorfer Strand verläuft wirklich direkt neben der Ostsee. Feinsandige Strände und steinige Küstenabschnitte wechseln einander ab. Wo Strand ist befindet sich meist auch ein Urlaubsort und je toller der Sandstrand, umso schicker der Ort. Grömitz bietet seinen Gästen zum breiten Strand noch eine 400 Meter lange Seebrücke dazu. Auch in der Gestaltung der Promenade scheinen die Stadtväter miteinander zu wetteifern, es ist überall und alles vom Feinsten – wenn auch nicht stets zur Freude der Radfahrer, die bisweilen nach nebenan auf einen einfachen Sandweg verwiesen werden. Der Leuchtturm Pelzerhaken sichert die Zufahrt in den Hafen von Neustadt. Dieses Städtchen lädt mit seiner Backsteingotik-Bebauung am Marktplatz zum Verweilen ein. Sehenswert sind auch ... ... das Stadttor "Kremper Tor" aus dem Jahr 1244, in dem nun das Kreismuseum Ostholstein untergebracht ist, ... ... der Kornspeicher von 1830 mit dem getrepptem Walmdach (am Hafen) sowie ... ... das "Brückengeldeinnehmerhaus” gegenüber, in dem bis zum Jahr 1930 Brückenzoll entrichtet werden musste. Im Niendorfer Hafen kann man Fisch fangfrisch vom Kutter kaufen - solange der Vorrat reicht. Obwohl der Wind kräftig von vorne wehte hatte ich irgendwann am frühen Nachmittag den 35 Etagen hohen Bettenturm des Hotels Maritim in Travemünde im Visier. Noch um eine Bucht herum, was ich noch nicht ahnte, zudem über eine fiese Steigung, das Brodtener Ufer. Die Abbruchkante des 20 Meter hohen Ufers fällt fast senkrecht zum steinigen Strand hin ab, einige Bäume in diesem Landschaftsschutzgebiet hingen halb über dem Abgrund. Der Ausblick von dem bewaldeten Hügel hinaus auf die Ostsee entschädigte für diese Schikane kurz vor dem Ziel. Das Ende der Bucht war Wendemarke einer Bootsklasse im Rahmen der "Travemünder Woche" und deshalb voller Segelboote! In Travemünde angekommen war kein Durchkommen mehr, die Trave-Promenade entlang reihten sich die Stände fast lückenlos aneinander. Irgendwie hatte ich den Anleger der Priwallfähren erreicht ... . (Sie fahren rund um die Uhr und brauchen nur 5 Minuten hinüber, Tickets kann man als Mehrfahrtenkarte bekommen.) Das Ereignis – die "Travemünder Woche" gilt neben der "Kieler Woche" als wichtigster Segelwettbewerb in Schleswig-Holstein - wollte ich mir trotz des Rummels nicht entgehen lassen. Mal sehen, was sich so alles unter die Leute bringen lässt. Informationsmaterial zur Veranstaltung wurde verteilt und Werbeaufkleber, allerlei unnützes Zeug angeboten und den dicken Tüten in den Händen der Passanten nach zu urteilen auch gekauft – zu den angeblich stark verminderten Preisen. Zu hungern oder dursten brauchte auch niemand, internationale Küche war vertreten und natürlich allerlei mit Fisch. Am Strand waren ein sich langsam drehendes Riesenrad (mit riesen Aussicht auf Riesenaussicht) und eine Tanzfläche aufgebaut, eine Band spielte bereits und beschallte lautstark den Strand. Viel ruhiger ging es auch nicht auf der Pier zu, an deren Ende ein Leuchtfeuer steht. Von einem Lotsenboot geleitet lief eine der riesigen Fähren von TT-Line, die "Peter Pan", ein. Das Molenfeuer war geradezu winzig dagegen. Wie "Pat und Patterchon" wirken auch die zwei Leuchttürme im Ort; der alte Turm und das Gebäude des Hotels "Maritim", auf dessen Dach das neue Leuchtfeuer errichtet wurde. Wegen der Veranstaltung leider nicht besuchen konnte ich die Verkehrszentrale des Wasser- und Schifffahrtsamtes Lübeck, von der aus auch sämtliche in Betrieb befindlichen Leuchttürme zwischen der Flensburger Bucht und der Wismarer Bucht überwacht und gesteuert werden. Der neuere, am Strand gelegene Teil von Travemünde macht den selben vornehmen Eindruck wie die übrigen Urlaubsorte an der Bäderstraße, vielleicht wirkt er etwas städtischer. Die Altstadt, etwa 2 Kilometer traveaufwärts, hat sich ihren dörflichen Charakter bewahrt obwohl auch dort reichlich Unterhaltung angeboten wurde. Bei soviel Trubel brauchte ich zum Abendessen Nervennahrung und entschied mich beim Italiener Spaghetti in Tomaten-Basilikumsoße (mit Knoblauch natürlich) zu essen. Zum Glück war der Priwall rummelfreie Zone. (Übernachtung in einem Gästehaus in Travemünde, Frühstück gab es nach Wahl.) |
| Stadtbummel Hansestadt Lübeck Das Holstentor aus Marzipan ... habe ich als Kind mal bekommen und das fällt mir immer ein, wenn ich wieder in die Lübecker Altstadt komme. Zwischen dem Vorort Travemünde und dem Hauptbahnhof verkehren regelmäßig Züge, sonntags fährt jede Stunde einer hin und her. Der Fahrplan stellte kein Problem dar, doch es gab nur einen Fahrkartenautomaten, der sich konsequent weigerte die richtige Preisstufe zu benennen – kein Mensch weit und breit. Die Kommunikation verlief ungefähr so: im Display am Automaten erschien "geben Sie die dem Ziel zugeordnete Nummer ein." Ich suchte diese in der Tabelle und tippte die Ziffern ein. Im Display am Automaten war daraufhin zu lesen "für Ziele innerhalb von Lübeck die gelbe Taste drücken." Nach dem Drücken dann ein weiteres Fenster mit etlichen Haltestellen, doch jeweils ohne Angabe der Preisstufe dazu. Also von vorne. Und darauf die gleiche Antwort, in die Runde, zig Mal, bis ein Putzmann vorbeikam. Dem habe ich mein Leid geklagt, er schimpfte auf die Bahn und rief einen Mitarbeiter an, ob der wüsste, welche Preisstufe bis zum Hauptbahnhof zu zahlen sei. Er wusste es und ich hatte genügend Kleingeld – "Automat wechselt nicht" – in weiser Voraussicht gesammelt, für den hilfsbereiten polnischen Putzmann blieb auch noch etwas. Der Hauptbahnhof befindet sich unweit der Altstadt, durch die ich gebummelt bin ... ... mit dem Holstentor, einem (steinernen) Stadttor aus dem 15. Jahrhundert, ... ... dahinter stehen entlang der Trave ehemalige Salzspeicher, die zwischen 1579 und 1745 errichtet wurden, ... ... das Rathaus zeigt verschiedenen Stilrichtungen, denn es wurde vom 13. bis zum 16. Jahrhundert gebaut, ... ... dem gegenüber befindet sich das Stammhaus des "Café Niederegger", dem weltberühmten Marzipanhersteller und –künstler (das Dessert gibt’s immer zum Schluss), ... ... die Marienkirche, zu der ich eine ganz besondere Beziehung habe (mehr dazu später), wurde von 1250 bis 1350 erbaut, ... ... hinter der Kirche das "Buddenbrook-Haus" ist ein schmuckes Giebelhaus aus dem Jahr 1758, ... ... in der Mengstraße befindet sich das "Schabbelhaus", ein Patrizierhaus aus dem 16. Jahrhundert, ... ... ebenso alt ist der "Wullenwever", ein ehemaliges Kaufmannshaus in der Beckergrube 71, heute Restaurant, ... ... ein Lokal beherbergt heutzutage auch das Gebäude der "Schiffergesellschaft", im Jahr 1535 als Versammlungshaus erbaut, von 1535 in der Breite Str. 2 (auch dazu näheres an anderer Stelle), ... ... auf der Glockengießerstraße befinden sich einige Wohnhöfe (auch hierzu gibt es weiter unten noch ein paar Zeilen), wie der "Füchtingshof" von 1639, das "Ilhorn-Stift" von 1438 und der "Glandorps Gang", ... ... der "Haasenhof" von 1725 kann in der Dr.-Julius-Leber-Straße besichtigt werden, ... ... ebenso die Löwenapotheke aus dem 13. Jahrhundert. Mehr nun zur Marienkirche, ... ... und ihrem Glockenspiel Aus der Katharinenkirche in Danzig stammen 30 Glocken des insgesamt 36 Glocken umfassenden Glockenspiels. Die Danziger Glocken waren am Ende des Krieges auf dem Hamburger "Glockenfriedhof" gefunden worden, wo sie eingeschmolzen werden sollten. Da Lübeck besonders vielen Flüchtlingen aus Danzig zur neuen Heimat wurde, kamen die Glocken nach St. Marien. Auf ihnen erklingt jede halbe Stunde eine Choralmelodie. ... und der Briefkapelle Der Anbau des frühen 14. Jahrhunderts wurde vor einigen Jahren restauriert. Sie diente der Gemeinde als Winterkirche wenn der große Kirchenraum zu kalt war. Im Mittelalter hatten die öffentlichen Schreiber in der Kapelle ihre Stände, wo sie für die Bürger Verträge zu Papier brachten, sie "verbrieften". Die neun Meter hohen schlanken Säulen sind aus Bornholmer Granit. Bedeutendstes Kunstwerk in dieser Kapelle ist die Grabplatte des berühmten Lübecker Bürgermeisters Brun Warendorp (gestorben 1369.) Die Briefkapelle und die Trese, die frühere Schatzkammer des Rates, wurden im Krieg nur leicht beschädigt. (Trese: niederdeutsch Tresecamere = Schatzkammer) ... und den Orgeln Anstelle der am Palmsonntag 1942 bei einem Bombenangriff verbrannten Marienorgel wurde 1968 die größte Orgel der Welt mit mechanischer Traktur geschaffen. Sie besitzt auf fünf Manualen und Pedalen 101 Register mit knapp 10 000 Pfeifen, die längsten messen elf Meter. Diese Orgel wurde zum Gottesdienst gespielt, ein überwältigender Klang! Die kleinere Totentanzorgel wurde 1986 durch einen Neubau ersetzt. Hervorragend eignet sich diese Orgel für die Wiedergabe der Orgelwerke alter Meister. Von 1667 bis 1707 war der berühmte Kirchenmusiker und Komponist Dietrich Buxtehude Organist und Werkmeister an St. Marien, im Jahr 1705 bekam er dort Besuch von Johann Sebastian Bach. Buxtehudes Orgelmusik wurde auf der Totentanzorgel eingespielt vom Organisten an der Marienkirche, Prof. Ernst-Erich Stender. Die drei erschienenen CDs werden in der Kirche verkauft und ich wollte sie mir gerne als Erinnerung an den Besuch der Marienkirche auf meiner Fahrradtour mit nach Hause nehmen, doch nicht noch zwei Wochen im Gepäck herumfahren. Also habe ich die Frau vom Verkauf gefragt, ob sie mir die CDs nach Hause schicken würde. Gerne doch. Was vom Portogeld übrig bleiben würde sollte sie der Kirchenmusik spenden. (Wieder zu Hause wartete ein Päckchen auf mich, der kleine Karton war schon mehrfach benutzt worden, so blieb mehr übrig für die Kirchenmusik - danke für die Bemühungen.) ... und der astronomischen Uhr Die heutige Astronomische Uhr stammt von dem Lübecker Uhrmacher Paul Behrens. Er konstruierte sie nach dem Vorbild des im Kriege verbrannten Originals. ... und weiteren Kunstwerken Das Madas Triumphkreuz von Gerhard Marcks im Hochchor über dem Swarte Altar von 1495; das Sakramentshäuschen aus Bronze (1479), das großartige Marmorepitaph für den Ratsherrn Johann Füchting, der im 17. Jahrhundert den Füchtingshof, Glockengießerstraße 23-27, stiftete; ein spätgotischer Marienaltar (von 1518) aus Antwerpen steht in der Marientidenkapelle; der vergoldete Dachreiter ragt 30 Meter über das Hochschiffdach hinaus, er wurde im Jahr 1980 nach alten Zeichnungen und Fotografien neu geschaffen. ... und einem kleinen Mädchen Wenn ich an die Marienkirche zu Lübeck denke, habe ich sofort das Bild der heruntergefallenen Glocke vor Augen. Mir ist als hätte ich beim Anblick dieser Glockentrümmer, ich war vielleicht 5 Jahre alt als ich das erste Mal vor ihnen stand, begriffen was es bedeutete, wenn die Großmutter vom Krieg erzählt hat. Kirche(ngebäude) und Glocken waren schließlich überirdische Dinge und überdauerten heil die Ewigkeit ... . Kein von künstlerischer Menschenhand erschaffenes Denkmal gegen den Krieg kann eine solche Wirkung hervorrufen, wie dieses vom Krieg selbst gesetzte Zeichen es schafft: Bei einem Bombenangriff auf Lübeck am 29. März 1942 wurde auch die Marienkirche zerstört. Die Reste der großen Glocken, die beim Brand herabgestürzt waren und sich in den Steinfußboden eingegraben hatten, blieben im Süderturm als Mahnmal liegen und sind dem Gedenken aller Toten fern der Heimat gewidmet. Und zu denen zählt auch mein Großvater, den ich immer vermisst hatte (und von dem meine Mutter sagt, die reiselustigen Flausen im Kopf hätte ich von ihm). Näheres an dieser Stelle zur "Schiffergesellschaft" Eines der schönsten Treppengiebel-Häuser in Lübeck ist die Schiffergesellschaft (Breite Straße 2), die "klassischste Kneipe der Welt". Die Räume des ehemaligen Amts- und Versammlungshauses der Schiffer und Segelmacher werden heute größtenteils als Restaurant genutzt und sind von der Schiffergesellschaft verpachtet. Die Vereinigung der Schiffer selbst, die nur Kapitäne aus dem Lübecker Bereich mit dem Patent für Große Fahrt aufnimmt, hat jedoch ihre gemeinnützige Zielsetzung behalten. Die Pachteinkünfte werden satzungsgemäß verwendet für die Unterstützung bedürftiger Schiffer und Schifferwitwen, für die Zahlung eines sogenannten Tabakgeldes als Altersbeihilfe, für die Bereitstellung mietfreier Wohnungen für Schifferwitwen und nicht zuletzt für die Pflege des denkmalgeschützten Hauses. Die Halle, der ehemalige Versammlungsraum der Schiffer, wird getragen von massiven bemalten Balken und geschnitzten Pfosten. Unverändert sind die langen Eichenbänke mit den durchgehenden Tischen. An ihren Enden befinden sich die alten Wappen der Seefahrer, die mit ihren schnellen und von den Seeräubern für unbesiegbar gehaltenen Koggen von Lübeck nach Reval, Riga, Bergen und Schonen segelten. Zur einmaligen Atmosphäre der Räume tragen die vielen Erinnerungsstücke aus früheren Jahrhunderten bei welche die Seefahrer nach Lübeck brachten. Das Prachtstück der Inneneinrichtung ist der über 200 Kilogramm schwere Kronleuchter aus dem Jahr 1655. Das Haus der Schiffergesellschaft ist auch heute nicht nur eine Touristenattraktion. Die traditionsbewussten Kapitäne der Vereinigung halten nach wie vor ihre Versammlungen und Sitzungen dort ab und treffen sich jeden Dienstag zum "Klönschnack" an ihrem Stammtisch. Zudem bietet das Restaurant eine kleine und sehr feine Speisekarte, von der ich seit Jahren schwärmte. Wie draußen angeschlagen öffnete die Gaststätte mit dem Glockenschlag zu Mittag um Punkt 12.00 Uhr ihre Türen. Die kleine Speisekarte war schnell gelesen, ich entschied mich für "Käpt’ns Pralinés". Die mit zartem Gemüse gefüllten Teigtaschen in Kräutersoße schmeckten köstlich zum Blattspinat und den Stücken aus heller Fischpastete (zu unterst), Kräuterfarce (in der Mitte) und gedünstetem Lachs (obenauf). Noch ein paar Zeilen zu den Wohnhöfen Im Jahr 1636 verfügte der aus Westfalen zugewanderte Lübecker Kaufmann, Ratsherr und Mitglied der Schonenfahrer Johann Füchting durch Testament, dass etwa ein Drittel seines Vermögens "zum Nutzen und Besten der Armen" verwendet werden sollte. Drei Jahre später wurde von den Testamentsvollstreckern das Grundstück Glockengießerstraße 23-27 gekauft und der "Füchtingshof" in der jetzigen Form von dem Baumeister Andreas Jäger für rund 35 000 Mark erbaut. Geschaffen wurden 21 Wohnungen für Kaufmanns- und Schifferwitwen, die freie Wohnung bis an ihr Lebensende hatten und darüber hinaus im Vierteljahr 10 bis 15 Mark aus dem Stiftungsvermögen bekamen. Im 17. Jahrhundert errichteten dann mehrer reiche Ratsmitglieder sogenannte Wohnhöfe, von denen der Füchtingshof und der Haasenhof von 1725 heutzutage besucht werden können. Das Tor zum Innenhof steht allerdings nur von 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr und von 15.00 Uhr bis 18.00 Uhr auf, ansonsten haben die Bewohnerinnen drinnen ihre wohlverdiente Ruhe. Denn es sind allesamt ältere Damen. Ich stand dann also in der Mittagszeit vor dem verschlossenen Tor zum Füchtingshof und war enttäuscht; Stille auf der Straße. Gegenüber unterhielten sich leise zwei ältere Frauen, von denen die eine auf mich zukam und fragte, ob ich mir den Innenhof ansehen wolle, ich sei doch alleine. Ja, gerne (das ich die Höfe bereits kannte, habe ich nicht erwähnt). So lud die Bewohnerin mich ein ihr zu folgen und erzählte wissenswertes über das Leben in einem solchen Wohnhof und das Konzept. Die Häuser gehören der Füchtingsstiftung, die für viel Grün zwischen den Gebäuden sowie regelmäßige Renovierung sorgt. So verfügen die kleinen Zweizimmerwohnungen schon lange alle über ein Badezimmer. Dort einziehen dürfen nach den Statuten nur ältere Damen - ab fünfzig. Zweite Voraussetzung ist geringes Einkommen zu haben, hierfür gilt die Einkommensgrenze des sozialen Wohnungsbaus. Und dann müssen die Bewohnerinnen in der Lage sein, ihren Haushalt (ggf. mit einer Hilfe) selbstständig zu führen. Wenn das nicht mehr geht, besorgt die Stiftung einen Heimpflegeplatz. Schöne Sache, gute Sache. Zum Schluss das Dessert Kaffee und Kuchen sind selten nach meinem Geschmack, doch an einem Sonntag Nachmittag beim Café Niederegger kamen Gelüste auf. Geduldig erklärte die Verkäuferin das umfangreiche Angebot, von dem ich mich für eine Scheibe vom dunklen Baumstamm entschied. Eigentlich war dieses Schmuckstück der Theke ja viel zu schade es anzuschneiden. Die Jahresringe bestanden aus Baumkuchenteig und hellem Nougat, Marzipan stellte den Bast und die Rinde wurde durch dunkle, rau aufgebrachte Kuvertüre dargestellt, an der sogar Moos wuchs, das waren Pistazienkrümel. Ein Kännchen Kaffee half über die Süße hinweg. |
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| 65 km | Nach "drüben" Gespannt bin ich am nächsten Morgen aufgebrochen. Nachdem ich den Priwall verlassen hatte versuchte ich zu erkennen, wo denn Schleswig-Holstein aufhörte und wo Mecklenburg-Vorpommern anfing. Es gab weder ein Schild, noch hätte man den ehemaligen Verlauf der deutsch-deutschen Grenze erkennen können. Der Radweg nach Boltenhagen führte parallel einer kaum befahrenen Landstraße zwischen Feldern und kleinen Waldstücken hindurch. Irgendwann dann ein Ortsschild das die Zugehörigkeit zum Kreis Nordvorpommern angab – ich war also "drüben". Das Dorf etwas abseits der Küste, dessen Namen ich inzwischen vergessen hatte, machte einen sehr sauberen, aber ärmlichen (und bleibenden) Eindruck. Die meisten der kleinen Häuser waren grau verputzt, fast alle hatten neue Kunststofffenster und davor befanden sich Zäune aus braunem oder grünem Drahtgeflecht. Blumen im Vorgarten Fehlanzeige, mitunter Hühner. Es wirkte wie ausgestorben, an diesem Vormittag war kein Mensch zu sehen, alle Fenster und Türen geschlossen, niemand werkelte im Garten, ging zur Schule oder fuhr einkaufen. Nichts fürs Auge. Für die Bewohner hoffte ich, dass sie alle an ihrem Arbeitsplatz außerhalb wären. Hinter dem Dorf mit der ärmlichen Erscheinung - später habe ich noch mal nachgesehen, dieses Geisterdorf muss Herkensee gewesen sein – mitten im Wald dann ein renoviertes Gutshaus, hoher Zaun drumherum und Schild am Tor "Geschlossene Gesellschaft"; ich dachte, davon hätte man hier zu DDR-Zeiten genug gehabt. Der "Klützer Winkel" zählt zu den romantischsten Gegenden Mecklenburgs. Durch diesen Urwald führte der Ostseeküsten-Radweg, der an diesem Morgen stark befahren war. Ein paar jugendliche Mountainbiker hatten offenbar Spaß daran, so schnell sie konnten den ehemaligen Panzerweg entlang zu brettern. Mit dem beladenen Rad war es ziemlich nervig von einem Loch ins nächste zu krachen, ausweichen war unmöglich. Der Radweg bestand aus zwei Plattenreihen, zwischen denen genau eine Plattenbreite Gras und Steine waren, also unbefahrbares Gelände. Auf den Platten konnte man aber auch nicht bequem fahren, denn darin waren im Abstand von vielleicht einem halben Meter Löcher, gerade groß genug um sie nicht überrollen zu können – krach – wumm – rumps, hinein, entweder mit dem Vorderrad oder hinten oder mit beiden Reifen zugleich! In Wismar würde ich ein neues Fahrrad brauchen ... . (Tatsächlich waren es aber nur neue Bremsen.) Der Weg führte ständig aufwärts, an jedem Aussichtspunkt habe ich angehalten. Erfrischend war dann der Streifzug durch das Ostseebad Boltenhagen mit seiner 290 Meter langen Seebrücke und einem breiten weißen Sandstrand. Die Wirkung dieses Kurortes war größer als seine Fläche. Das mag am Kurhaus in der Ortsmitte gelegen haben oder an der Trinkkurhalle direkt am Strand oder an der Promenade dazwischen oder an dem Musikpavillon im Kurpark. Die wenigen niedrigen Häuschen entlang der schmalen Straßen erschienen mir viel zu klein für das Drumherum. Hinter Boltenhagen führte der Weg wieder etwas landeinwärts, was mir gar nicht gefiel. Denn erstens war mal wieder Berg- und Talfahrt angesagt, wenn auch nicht so steil wie an der Flensburger Förde, und zweitens zog vom Landesinneren ein Gewitter heran. Es begann zu regnen, irgendwann habe ich dann zur Regenjacke auch noch das Cape übergestreift, Helm ab, Kapuze auf. Drei Kurven später war alles vorüber, zum Glück, denn gut ging das nicht bei dem Wind. Als mein Bezug trocken war habe ich ihn schnell wieder abgelegt – und auf dieser Tour nicht mehr gebraucht!!! Wirklich schön war die Strecke nicht, immer nur zwischen riesigen Feldern hindurch und selten mit Blick aufs Meer. Das letzte Stück vor Wismar führte durch den Uferwald, es gab also auch nichts zu sehen. Die Zufahrt zur Innenstadt gewährte mir dann den ersten Blick auf ostdeutsche Straßen bzw. Radwege: Kopfsteinpflaster und daneben ein "Mosaik"-Radweg, die Pflastersteine waren zu winzigen Krümeln zerbrochen! Ich testete aus wo man besser fahren konnte, auf der Fahrbahn mit Kopfsteinpflaster oder auf dem hubbeligen Radweg und entschied mich wie alle anderen, unbepackten und wohl einheimischen Radfahrer auch für den mit einigermaßen intakten Platten belegten Gehweg. Fußgänger machten bereitwillig Platz, niemand verwies einen Radler auf die für ihn vorgesehene Spur. Hat dennoch keinen Spaß gemacht. Die 65 Kilometer lange Strecke hatte ich trotz aller Widrigkeiten am frühen Nachmittag hinter mich gebracht. Es blieb genügend Zeit auch mal das Fahrrad zu putzen (Katzenwäsche), wofür ich im Hotel einen Eimer heißes Wasser bekam. Nachdem dann auch noch meine Kleidung und ich sauber waren, habe ich Moritz zum Bremsen erneuern in eine Fahrradwerkstatt gebracht und mir zur Belohnung eine große Spinatpizza einverleibt. (Übernachtung in einem großen Zimmer im Hotel Willert, Schweriner Straße 9 in Wismar, direkt an der B 106. Der Verkehrslärm verebbte erst spät am Abend, dafür begann er früh am Morgen. Das abwechslungsreiche Frühstück wurde liebevoll angeboten, zur Teebar mit viel Auswahl gab es sprudelnd kochendes Wasser aus einem Samowar.) In der Hansestadt Wismar … bietet die Altstadt viel anzusehen, wie … … den Fürstenhof von 1555, … … die St. Georgen-Kirche mit dem einen Teil der Ausstellung "Wege zur Backsteingotik", … (mit dem Eintrittsgeld werden weitere Restaurierungsarbeiten finanziert.) … in der Ruine der Marienkirche, ehemals erbaut im 13./14. Jahrhundert, einen anschaulichen 3D-Film zu diesem Thema, ... ... das Pastorenwohnhaus aus dem 15. Jahrhundert, ... ... das Archidiakonat, einen Backsteinbau aus der Mitte des 15. Jahrhunderts, ... ... den Marktplatz mit dem Pavillon namens "Wasserkunst", ... ... das älteste Bürgerhaus der Stadt, um 1380 erbaut, beherbergt das Restaurant "Alter Schwede", ... ... das "Reuterhaus" (neben dem alten Schweden), ... ... das Rathaus aus der Zeit um 1818, in dessen Westflügel die "Gerichtslaube” aus dem 14. Jahrhundert integriert ist, ... ... die Krämerstraße mit ihren pastellfarbig gestrichenen Giebelhäusern, ... ... die Löwenapotheke, ... ... die Straße namens "Frische Grube" entlang dem Stadtgraben aus dem 13. Jahrhundert, ... ... das "Schabbelhaus" um 1570 erbaut beherbergt das Stadtmuseum, ... ... die Nikolaikirche aus dem 14. Jahrhundert beeindruckt mit ihrem 37 Meter hohen Mittelschiff, ... ... Reste der Stadtbefestigung am "Alten Hafen" mit dem Wassertor aus dem 15. Jahrhundert, ... ... das "Baumhaus", ein Backsteinhaus aus dem 18. Jahrhundert, heißt trotz Steinbau Baumhaus, weil von dort bei Gefahr durch Eindringlinge von See Baumstämme quer über die Zufahrt gelegt wurden, ... ... das Heilig-Geist-Spital. Die Speicherhäuser am "Lohberg” beim "Alten Hafen” waren zu Restaurierungs-arbeiten eingerüstet, es gab nicht viel zu sehen. Weit abseits all dieser im Stadtführer beschriebenen Bauten darf man sich nicht begeben, will man nicht in eine Baustelle geraten oder gar von bröckelndem Mauerwerk getroffen werden. Wenn die Renovierungsmaßnahmen bereits seit mehr als zehn Jahren andauerten, wird man für den Rest noch mindestens weitere zehn Jahre benötigen – das schafft immerhin Arbeitsplätze, auf den Baustellen scheint es auch niemand eilig zu haben. Soviel bildender Stadtbummel macht hungrig, Schollenfilet mit Kartoffelsalat und süß-sauer abgeschmecktem Salat von grünen Bohnen schafften Abhilfe und verhalfen schon wieder zu einem neuen Salatrezept. Die Rezeptur des köstlichen Eisbechers hatte ich dann aber nicht erfragt, nur die Stunde im Eiscafé in der Sonne am Marktplatz genossen und zum Nachdenken genutzt – Wismar ist ganz nett aufgemacht, doch ihm fehlt die geschichtsträchtige Atmosphäre wie sie in der Altstadt von Lübeck hingegen überall spürbar ist. |
| 66 km + 50 km | Die Füße in der Ostsee baden Die 66 Kilometer lange Tour führte zunächst zur Insel Poel, die über einen Damm zu erreichen ist. Von dort aus bietet sich ein schöner Blick zurück auf die Kirchtürme von Wismar und hinüber zur Insel. Die kleine Insel ist in wenigen Stunden umrundet. Dabei lohnt die Inselkirche aus dem Jahr 1250, sie steht in Kirchdorf, ganz besonders einen Besuch. Eine schlichte Ausstattung aus bemaltem Holz und einige Votivschiffe, was typisch ist für eine von Seefahrerfamilien besuchte Kirche. Eingeprägt hat sich mir das einfache Gebet unter einem dieser Boote, das mit bei Fischern üblicher Wortkargheit ihre Sorgen ausdrückt und zugleich ihren Glauben bekundet: "Herr, segne unsere Seefahrt, steuere unsere Lebensfahrt, schick uns deine Himmelfahrt!" Vom Wall bei der Inselkirche kann man den Blick über das Haff schweifen lassen – schöne Landschaft. Doch es sollte ja noch weiter gehen, nach Timmendorf zum Fischereihafen sowie zum Leuchtturm. Ein romantisches Fleckchen, von einigen Booten wurde fangfrischer Fisch eimerweise verkauft, was wohl so drin war? Das ehemalige Leuchtturmwärterhaus wird nun als Wirtschaftsgebäude zum Campingplatz genutzt. Und dann zum Strand mit dem unter Naturschutz stehenden Waldrest beim Dorf namens Schwarzer Busch. Bei Gollwitz stehen noch zwei Leuchttürme, Gollwitz Nord und Gollwitz West, die jedoch nicht sonderlich attraktiv sind. Der "Faule See" in der Nähe ist ein verlandender See gesäumt von Salzwiesen mit seltenen Pflanzen. Auf der haffzugewandten Seite der Insel entlang führt eine wenig von Autos, aber reichlich von Fahrrädern, benutzte Straße zum Damm aufs Festland. Der Ausblick über das stille Wasser mit kleinen Booten drauf vermittelte eine entspannte Stimmung, gemütlich schien es zuzugehen auf Poel. Auf dem Weg nach Rerik befindet sich auf einem Hügel vor dem Ort Stove eine Mühle. Der Erdholländer aus dem Jahr 1889 ist noch in Betrieb, man kann säckeweise Mehl dort kaufen, auch abgefüllt in handlichere Tüten. Der Ansammlung von Fahrrädern drumherum nach zu urteilen ist die Mühle ein beliebtes Ausflugsziel. Für den dicken Moritz gab es kaum Platz. Der Müller führt durch die Mühle und Frau Müllerin verkauft aus Mehl von der "Stover Möhl" selbstgebackenes Brot (leider mit Schmalz drauf ) und Butterkuchen. Das Ostseebad Rerik liegt landschaftlich sehr reizvoll, der Wald reicht bis zum Strand. Ein Neubaugebiet am Salzhaff bietet alles für die Urlauber, Ferienwohnungen, Restaurants, Geschäfte, Ausstellungen. Witzig anzusehen sind die hölzernen Skulpturen entlang der Uferpromenade am Salzhaff oder gar bis zum Bauch im Wasser. Rerik bietet seinen Besuchern eine 170 Meter lange Seebrücke und einen feinsandigen Strand, richtig toll. So habe ich mich mal ins kühle Nass gewagt, aber nur mit den Füßen, weil man sonst zuviel abtrocknen muss. Immer dasselbe, Strandlaufen macht hungrig. Die Speisekarte in meiner Pension las sich gut, eingelegte Heringe mit Bratkartoffeln und dazu ein gemischter Salat sollten es mal wieder sein. Hätte ich doch etwas anderes ausgesucht! Die Fische waren ziemlich sauer und die Kartoffeln mit viel Speck ekelhaft fettig und zudem halbroh L . Einzig der Salat war lecker zubereitet und die Portion zum Glück auch nicht ganz klein ausgefallen. Nach dieser Erfahrung bangte ich schon um ein brauchbares Frühstück und irrte gründlich, s.u. . (Übernachtung in der Pension "Zur Linde", Leuchtturmstraße 7 in Rerik in einem freundlich eingerichteten Appartement mit viel Platz. Im Haus standen Schwimmbad und Sauna den Gästen kostenlos zur Verfügung. Das war klasse, auch das Frühstück mit mehreren Müslisorten, einer großen Schüssel frischem Obstsalat, vielseitigem Brotkorb, unzähligen Sorten Käse- und Wurstaufschnitt, mehreren Marmeladen, Milchprodukten, gekochten Eiern, Rühreiern und allerlei Fischleckereien, geräuchert oder als Salat verarbeitet.) _________________________________________________ neue 50-km-Tagesetappe Feudale Urlaubsorte Die Sonne lockte früh aus dem Bett und der Wetterbericht hatte für die Ostseeküste relativ hohe Temperaturen vorhergesagt. Also los, auch wenn es nur knapp 50 Kilometer sein sollten. Am Ortsausgang von Rerik Richtung Wustrow kann, wenn man darüber weiß, die Überreste des ehemaligen Burgwalls aus dem 8. Jahrhundert erkennen. Nichts fürs Auge, weiter. Durch die hügelige Landschaft auf kaum beschilderten Wegen konnte ich dann den Leuchtturm Bastorf in der Ferne auf einer 130 Meter hohen Anhöhe entdecken. Er ist der höchstgelegene Leuchtturm Deutschlands. Einen Besuch habe ich diesem Turm dennoch nicht abgestattet, geöffnet wird dort erst ab 10.00 Uhr morgens. Außerdem lockten andere Ziele wie das Ostseebad Kühlungsborn mit den Jugendstilvillen von denen die imposantesten Häuser an der Poststraße und an der Ostseeallee stehen. Frisch gestrichene Holzbauten im baltischen Stil ließen Ostseeurlaubsträume wahr werden, jedenfalls bei dem herrlichen Sonnenschein. Auf der Seebrücke kann man 240 Meter weit "über die Ostsee" laufen. Danach führte ein sehr gut ausgeschilderter Radweg durch den Wald nach Bad Doberan. Der Ortsteil Heiligendamm wirbt als ältestes deutsches Seebad mit dem Kurhaus von 1816 um Besucher. Weiße Strandvillen brachten dem Badeort ehedem den Beinamen "Weiße Stadt am Meer" ein. Von der einstigen Pracht war nicht allzuviel zu sehen. Nur das Kurhaus und das Luxushotel "Kempinski" erstrahlten in frischem Weiß. Die nebenstehenden Villen waren vor einigen Jahren offensichtlich restauriert worden, verlangten zwischenzeitlich jedoch erneut nach frischer Farbe. Sie wirkten verstaubt und verlassen, schade drum. Bei der Zufahrt zum "Kempinski" übergab der Fahrer eines Nobelschlittens die Autoschlüssel an den Portier. Die Vorstellung dort einmal mit dem Fahrrad vorzufahren amüsierte mich – ich habe allerdings ein Zahlenschloss ... . Teils oberhalb der Abbruchkante zum steinigen Strand, teils durch lichten Wald führt der Ostseeküsten-Radweg am Kap Stoltera. Von dort hat man einen beeindruckenden Blick über die Küstenregion bis nach Warnemünde. Es war also nicht mehr weit und ich hatte Hunger. Die im dortigen Restaurant angebotene "Warnemünder Fischsuppe" würde bestimmt gut tun – hat auch gut geschmeckt ... . In Warnemünde steppte der Bär, das warme Wetter hatte zahlreiche Gäste angelockt, die nicht nur das Kurhaus aus dem Jahr 1928 mit der Spielbank besuchen wollten. Auch am breiten feinsandigen Strand war viel Betrieb. Einer der besten Strände der Ostseeküste liegt im Einzugsgebiet von Rostock. Vom Strand hat man einen schönen Blick auf den "Teepott" (da ist eine Ausstellung drin und ein Restaurant) und den Leuchtturm von 1898. Die kleinen Straßen dahinter laden zum Bummeln ein. In einem besonders urigen Fischerhaus aus dem 18. Jahrhundert in der Alexandrinenstraße 31 ist das örtliche Heimatmuseum untergebracht. Eine ulkige Besonderheit des Ortes sind die fünf mit römischen Ziffern bezeichneten Verbindungsgänge zwischen Vörreg (Am Strom) und Achterreg (Alexandrinenstr.). Die Straße "Am Alten Strom" ist mit ihren alten Kapitäns- u. Fischerhäusern entlang der Warnow-Mündung die Flaniermeile des ehemaligen Fischerortes. In fast allen der kleinen Häuschen locken Geschäfte oder Restaurants ihre Kundschaft. Den ganzen Kai entlang bieten Ausflugsschiffe Fahrten an, jede Viertelstunde legt eines davon ab, fast immer nahezu leer – hinderten nun das sonnige Wetter oder die hohen Fahrpreise daran mitzufahren? Selbst schlenderte ich ja auch lieber den Strom entlang bis zur Pier mit den beiden Molenfeuern und wieder zurück und nochmals zum Strand. Unterwegs habe ich sämtliche Speisekarten rauf und runter gelesen, alle Restaurants boten ihre Fischgerichte mit Bratkartoffeln an, die ich seit dem Vortag ganz bestimmt nicht haben wollte. So aß ich (zur Abwechslung) mal wieder Ofenkartoffel mit Sauerrahm und Salat dazu – das hatten die Gaststätten davon, wenn sie keinen Kartoffelsalat anboten ... . (Übernachtung im Hotel "Am Alten Strom" in Warnemünde in einem kleinen Zimmer mit Blick über den Strom. Tolle Aussicht, aber auch sehr laut, zahlreiche Musiker und Gaukler gaben unter meinem Fenster ihre Kunst zum Besten, bis Mitternacht. Danach krakelten betrunkene Leute durch die Straßen, sie hatten wohl am Strand gefeiert und torkelten im Morgengrauen zum S-Bahnhof. Das gerade mal mittelmäßige Frühstück gab es nebenan in einem kleinen Café.) |
| Besichtigung Hansestadt Rostock: Liebe Rita, Birgit, Anke und Olaf! Mit dieser Begrüßung begann in den 1970er Jahren so mancher Brief nach Rostock. Das war weit weg, in einem fremden Land. Die Brieffreunde würde ich niemals treffen können, denn wir waren nicht verwandt. Somit bekamen wir keine Erlaubnis in die DDR einzureisen und sie durften auch nicht den Klassenfeind besuchen. Briefe zu schreiben (und begrenzt auch Päckchen zu schicken) war erlaubt. In den Briefen berichteten die Freunde dann ihre Schulerlebnisse, die sich in vielen Dingen von den Meinigen unterschieden – Rita legte ihre Zahnarztbesuche immer in die verhasste Russischstunde, ich brauchte zwar kein Russisch zu lernen, musste dafür aber den unterrichtsfreien Nachmittag opfern. So wurde Rostock zu einer bekannten und zugleich fremden Stadt, die ich mir nun einmal ansehen wollte. Die Fahrt mit S-Bahn und sofortigem Straßenbahnanschluss vom Rostocker Vorort Warnemünde bis zur Innenstadt klappte prima. Auch wenn der Zug nur kurz an jedem Bahnhof hielt blieb Zeit ein wenig davon zu erhaschen, "wie es dort aussah". Die großen Plattenbauten fielen natürlich sofort ins Auge, auch wenn es keine Hochhäuser waren. Die sanierten Gebäude machten einen gepflegten Eindruck, am Giebel aufgemalte oder aus farbenfrohen Fliesen gestaltete Blumen sollten wohl die Siedlung verschönern. In den um die zehn Stockwerke hohen Gebäuden schätzte ich auf jeder Etage mindestens acht Wohnungen, also wohnten etwa 250 Leute oder noch mehr in jedem Haus. Davon standen stets mehrere beisammen, die Einwohnerzahl eines ganzen Dorfes lebte auf engstem Fleck. Sehenswert in der Innenstadt – ein Altstadtkern ist leider nicht geschlossen erhalten geblieben – sind ... ... die Reste der Stadtmauer mit Wiekhäusern und Wallanlagen, ... ... das "Kröpeliner Tor", ein Stadttor von 1280, ... ... das Hauptgebäuder der Universität, Baujahr 1490, ... ... davor der "Brunnen der Lebensfreude", geschaffen in den 1980er Jahren, ... ... das "Herzogliche Palais" von 1714 mit einem Saalbau (den man leider nicht besichtigen kann), ... ... das "Ständehaus" aus dem 19. Jahrhundert, heute Sitz des Oberlandesgerichts, ... ... das "Steintor", erbaut Ende des 15. Jahrhunderts, ... ... der "Lagebuschturm”, aus dem 16. Jahrhundert, ... ... das "Kuhtor”, erbaut um 1250, ... ... das "Krahnstöverhaus” mit einem siebenteiligen Giebel vom Ende des 15. Jahrhunderts, ... ... das "Kerkhofhaus", ein Bürgerhaus aus der Zeit um 1470 in der Großen Wasserstraße, ... ... das Rathaus aus dem 13. Jahrhundert, ... ... die Marienkirche, errichtet zwischen 1200 und 1400, ... ... mit einem Bronze-Taufkessel von 1290; ... ... der Hauptaltar aus dem Jahr 1220 zeigt seit 1472 eine Astronomische Uhr, ... ... der "Ziegenmarkt", erkennbar am Brunnen mit der Ziegenskulptur, ... ... die "Alte Münze", Rostock hatte von 1325 bis 1864 eigenes Münzrecht, (sie beherbergt heute ein Bankfiliale J ) ... ... das "Hausbaumhaus", ein Kaufmannshaus aus der Hansezeit ... der Platz namens "Alter Markt" mit einigen restaurierten Fachwerk- und Backsteinbauten ... ... und der Petrikirche sowie ... ... hinter dem "Mönchentor" ... ... restaurierte Speicher am Hafen. Mit Hilfe eines Stadtplans gelang es mir alle diese Sehenswürdigkeiten zu finden, zumeist hatte sich der Weg dorthin gelohnt. Doch richtige "Hansestadt-Atmosphäre" wie in Lübeck kam in Rostock nicht auf, dafür war die Stadt zu weitläufig, zu hell, die Auslagen in den Fenstern zu bunt. Als Einkaufsstadt ist Rostock eher reizvoll, zahlreiche bekannte Waren- und Textilhäuser haben dort ihre Filiale. Nirgendwo sonst entdeckt hatte ich bislang eine solche Bebauung wie auf der "Lange Straße". Sie ist auch eine breite Straße mit zwei Fahrspuren für Autos in beide Richtungen und zwei Straßenbahnspuren in der Mitte. Schnurgerade zieht sich die "Lange Straße" über etwa einen Kilometer hin, lange Straße. Rechts und links fiel mir eine eigentümliche geschlossene und gleichsam freundliche Häuserfront auf. Rotbraune Backsteinfassaden wechseln sich mit weiß gestrichenen Fronten ab, Bogengänge lockern das Bild auf. Unten Geschäfte und Restaurants, darüber vier Etagen Wohnungen und obenauf eine Balustrade - eine Dachterrasse? Diese Bebauung wurde in den 1950er Jahren im Stil der sogenannten "Stalin-Bauweise" errichtet. An der "Lange Straße" zeigt der Wiederaufbau Rostocks sich in einer Mischung aus norddeutscher Backsteingotik und der Repräsentationsarchitektur des sozialistischen Städtebaus. So etwas ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack, doch mir hat dieses Stadtbild sehr viel besser gefallen als riesige graue Plattenhochhäuser in öder Umgebung. |
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| 45 km + 45 km | Über goldenen Boden ? Ortsnamen wie Graal-Müritz oder Ahrenshoop klingen schon teuer. Geld braucht man reichlich, will man dort Urlaub machen. Durchradeln kostet nichts und man darf trotzdem alles angucken ... . Elegant erscheint das Ortsbild von Graal-Müritz, blitzsauber, beinahe steril. Es erinnerte mich spontan an das versnobte Binz auf Rügen. Vielleicht lag das an der Aufmachung der zwischen den teuren Geschäften flanierenden Urlauber. Von der 350 Meter langen Seebrücke hat man einen schönen Blick auf den breiten, weißen Sandstrand. Kontrast zu dieser neuen, feinen Welt sind die "Büdnereien", strohgedeckte Kleinbauernhäuser aus der Zeit um 1816. Entlag eines gemütlichen Küstenpfades führte der Weg vorbei am Leuchtturm Wustrow, der erst seit kurzer Zeit außer Betrieb ist. Das Gebäude wurde schon Jahre vorher nicht mehr gepflegt, kein Schmuckstück in dieser schönen Natur. Das Ostseebad Dierhagen liegt mitten im Wald, ein idyllisches Dorf mit seinen gut erhaltenen alten Fischer-, Kapitäns- und Bauernhäusern. Einen Besuch allemal wert ist das Ostseebad Wustrow mit seinen Kapitäns- und Fischerhäusern. Auffallend sind die schmucken Türen. Die Plattform am Kirchturm der Feldsteinkirche von 1873 wurde früher von Seeleuten für die Aussicht über Bodden und Meer genutzt, heute dient sie eher Seh-Leuten. Dicht gedrängt knubbelte sich eine Besuchergruppe auf der Galerie, da musste ich nicht zwischen. Im "Fischlandhaus" befindet sich ein Heimatmuseum. Natürlich hat Wustrow auch eine Seebrücke, und zwar eine mit besonders vielen Bänken drauf. Dort gut ausgeruht können die Urlauber dann ihr Geld in einem der Geschäfte ausgeben. Im Ortsteil Barnstorf steht ein denkmalgeschützter Bauernhof abseits des Hafens am Bodden und aus einer historischen Bauernkate wurde die "Kunstscheune". Doch für alle diese netten Angebote hatte ich wenig Zeit, wollte weiter nach Ahrenshoop. Aus den ehemaligen Fischerkaten in der Dorfstraße bildete sich um 1880 eine Künstlerkolonie. In fast allen Häusern leben, arbeiten und verkaufen bis heute Maler oder Bildhauer ihre Arbeiten. Ein buntes Angebot hat die "Bunte Stube", auch dem mit leuchtend blauer Farbe gestrichenen "Kunstkaten" kann man täglich Besuch abstatten. Eine ausgefallene Architektur hat die im Jahr 1951 erbaute Kirche, sie erinnert an einen gekenterten Kahn. Am frühen Nachmittag in Ahrenshoop angekommen endete dort die Tour dieses Tages nach nur 45 Kilometern, kurze Etappe. Eigentlich hatte ich ja auch bis Prerow weiter fahren wollen, dort aber keine Unterkunft bekommen. Als ich das Unterkunftsverzeichnis von Prerow erfolglos abgefragt hatte war es mir egal, wo ich zwischen Wustrow, Ahrenshoop, Born, Wieck und Prerow übernachten würde. Doch keiner der unzähligen Gastgeber vom privaten Vermieter bis hin zum Hotel im ganzen Gebiet war bereit gewesen, mir für eine Nacht ein Zimmer zu reservieren. Das haben die auf dem Darß und im Fischland auch nicht nötig, zur Hauptsaison ist jedes Zimmer ständig belegt und die Straße zwischen Wustrow und Zingst komplett verstopft – in beide Richtungen zieht sich eine nicht enden wollende Blechlawine. (Übernachtet habe ich dann in der Ferienwohnung, die meine Eltern in der Zeit gemietet hatten.) _________________________________________________ Neue Tagestour, wieder 45 km Obenauf geht’s besser! Weiter war die heutige Tagesetappe auch nicht als die Gestrige, hat nur länger gedauert, weil ich mir unterwegs soviel angesehen habe. Zunächst führte der gut zu befahrende Radweg am Bodden entlang bis zum Dorf Born. In diesem idyllischen Flecken sind die alten Fischerkaten zumeist farbenfroh angestrichen, oft in leuchtendem Gelb und Blau. Die Haustüren zieren Schnitzereien in Form von Blumen oder an Blumen angelehnten Ornamenten, zumeist schön bunt bemalt. Mitten im Ort steht die Mühle, darin ist heute ein Restaurant. Die reetgedeckte Fischerkirche wurde im Jahr 1935 errichtet. Das Örtchen Wieck liegt an der schilfumkränzten Boddenküste, daran entlang stehen alte Reetdachhäuser. Vom Hafen starten Ausflugsschiffe zur Fahrt über den Prerow Strom, der sich durch eine romantische Aue bis Prerow schlängelt. Lohnenswert ist ein Abstecher zum Leuchtturm Darßer Ort. Dünenlandschaft und Aussicht sind prima - das finden leider zahlreiche Besucher. Der Badeort Prerow bietet alles, was das Urlauberherz begehrt. Auf der zum Strand hinführenden Promenade bieten kleine Geschäfte von Obst über Kleidung bis Bernsteinschmuck allerlei feil. Das Angebot der um hungrige Kundschaft werbenden Restaurants ist ebenso abwechslungsreich. Zum Appetit anregen oder satt gefuttert kann man einen Spaziergang auf der 390 Meter langen Seebrücke machen. Nett anzusehen sind im Ort die kleinen, vielfach reetgedeckten Häuser mit Türmalereien aus dem 19. Jahrhundert. Die Seemannskirche aus der Zeit um 1728 schmücken Votivschiffe, Prerow hat aber längst den Wandel vom Fischerdorf zum Urlaubsort vollzogen. Kurz hinter dem Ort erhebt sich eine Düne (mit Aussichtsturm drauf), das "hohe Ufer". Von dort konnte ich bei herrlichem Sonnenschein weit über die Ostsee blicken und über den Darß, durch den sich der Prerowstrom schlängelte, mit Raddampfer mitten drauf. Diese Szenerie auf einer Postkarte hätte ich kitschig gefunden, doch es war Natur pur. Einige hundert Meter führte der Radweg dann noch durch den bewaldeten Sandboden, ehe ich den Deich erreichte, auf dem entlang ich ungehindert nach Zingst radeln konnte. Auf der Straße unterhalb des Dammes fuhren die Autos in beide Richtungen sehr viel langsamer als wir Radfahrer auf dem Wall. Auch hier zog sich eine nicht enden wollende Blechkarawane entlang, die Parkplätze waren alle voll bestellt ... . Schicke Ferienhäuser entlang des Deiches, zahlreiche Hinweise auf namhafte Hotelketten und Wegweiser zum Kurhaus lassen erahnen, dass das Ostseebad Zingst weit mondäner erscheint als Prerow. Neubauten prägen das Ortsbild am Strand. Das Gebiet um das Kurhaus ist Fußgängerzone, Moritz habe ich bei einem Waffelstand im Schatten geparkt. Entlang der Straße Richtung Bodden kann man gemütlich bummeln, auch am Sonntag sind die kleinen Läden geöffnet, die überwiegend Kleidung anbieten. Am Ortsausgang stehen einige Seemanns- und Kapitänshäuser mit charakteristischen Krüppelwalmdächern; in einem davon ist heute ein Heimatmuseum eingerichtet. Auf dem Friedhof befindet sich ein prachtvolles Kapitänsgrab. In der Nähe des Kurhauses, nahe beim Strand, fällt zwischen all den Neubauten ein alter Schuppen auf, eine ehemalige Seenotrettungsstation. Heute dient sie der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) als Informationszentrum. Neben einem kleinen Rettungsboot und allerlei alten Utensilien kann man sich im Schuppen einen informativen Film über die Arbeit der DGzRS ansehen – und eine Spende in die Dose werfen. Und dann zum Strand – herrlich weißer Sand! Den Spaziergang über die 270 Meter lange Seebrücke habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen und der macht bekanntlich hungrig. Obwohl die zahlreichen Restaurants alle eine auswahlreiche Fischkarte anboten, konnte ich einer dicken Folienkartoffel mit Sauerrahm, dazu Räucherlachs und Salat nicht widerstehen – es war köstlich! Da die "Sundische Wiese" ein Vogelschutzgebiet ist konnte ich viel Zeit in Zingst verbringen. Der Tag war herrlich sonnig und wenn es dem Esel zu warm wird geht er auf’s Eis und wenn es mir zu warm wird schleckere ich eben ein Eis, oder einen großen Becher voll mit Erdbeeren und Sahne. Gut gestärkt bin ich dann die letzten Kilometer bis Bresewitz geradelt. (Übernachtung in der "Pension Boddenblick", Am Brinck 52. Das Haus war sauber und einfach eingerichtet, das Frühstück ebenso einfach. Und hätte ich es geahnt und statt aus Gier in weiser Voraussicht in Zingst so viel gegessen: es gab keine Gastronomie im Ort.) |
| 64 km | Viele Enttäuschungen, aber nicht nur Von Bresewitz aus war der Radweg nach Barth ausgeschildert und nicht schwierig zu finden. Schon schwieriger war es für mich herauszufinden, warum ich überhaupt in dieses heruntergekommene Nest gefahren bin. Zwar war das "Dammtor", ein Backstein-Stadttor aus dem späten 15. Jahrhundert recht gut erhalten, doch die Häuser auf der Zufahrtstraße und in der Nähe des Stadttores machten einen ungepflegten Eindruck, überall bröckelte der graue Putz. Menschen in den Straßen, Fehlanzeige. Dieser öde Eindruck änderte sich nicht einmal in der Nähe der berühmten Marienkirche, in der einst eine niederdeutsche Bibel von 1588, gedruckt in Barth, aufbewahrt gewesen war. Doch seit der Einrichtung des städtischen Bibelmuseums lagert das wertvolle Stück dort. Und weil ich an einem Montag nach Barth kam und montags die Museen geschlossen haben, konnte ich dieses Prachtstück nicht einmal betrachten. Davon habe ich allerdings erst erfahren, nachdem ich den Küster beim Rasenmähen unterbrochen hatte und gebettelt, er möge doch bitte wenngleich es noch mehr als eine Stunde bis zur Öffnungszeit hin wäre für mich die Kirche aufschließen. Irgendwann gab er nach, motzte weiter und schloss die Tür auf. Drinnen hat er mir dann ganz freundlich eine private Kirchenführung geboten. Als ich dann noch die alte Bibel ansehen wollte, erklärte er mir die Umstände. Was sollte ich dann noch in Barth? Ein kurzer Blick auf die Bebauung um den Markt genügte, sie war nach der Wende wohl restauriert, inzwischen jedoch nicht mehr in gutem Zustand, nicht wirklich etwas fürs Auge. Und dann steht am Stadtwall noch der "Fangelturm" vom Anfang des 16. Jahrhunderts. Auch dort überall kaputter Straßenbelag, unbefestigter Bürgersteig, Schlaglöcher, vergammelte Häuser. Der einzige mit dem Fahrrad mögliche Weg Richtung Stralsund zog sich dann oberhalb der Küste auf kleinen, teils unbefestigten Wegen über sanfte Hügel, dann wieder entlang der Boddenküste, durch kleine Wälder und zwischen großen Feldern, durch Mückenschwärme hindurch und an einer Straße namens "Mückenstich" vorbei ... . Den Leuchtturm Barhöft suchte ich auch vergebens; ein Einheimischer meinte, er wurde schon vor zwei oder drei Jahren abgebaut. Nach 64 Kilometern war dann das Tagesziel, die Hansestadt Stralsund, erreicht. Die Fahrerei, an jeder Kreuzung zum Blick auf die Landkarte angehalten, hatte mich genervt. Unterwegs war kaum mal ein Hinweisschild zu finden gewesen und wenn eines dastand, dann bezeichnete es das nächste Kaff, aber nicht den Weg nach Stralsund. Die Altstadt konnte ich auf einem einigermaßen befahrbaren Radweg erreichen. Aufgefallen sind mir gleich die vielen Großbaustellen, ganze Karrees waren eingerüstet. Mit Hilfe des Stadtplanes vom örtlichen Touristikbüro war die in einer kleinen Seitenstraße gelegene Pension zu finden kein Problem. Mein freundlich eingerichtetes Zimmer konnte ich bei der Ankunft sofort beziehen und nach dem Wäsche waschen zu einem ersten Stadtbummel aufbrechen. Unweit der Pension befindet sich ein kleiner Buchladen, am Eingang weht eine Schwedenfahne und davor steht eine Tafel mit der Aufschrift "Heute habe ich für Sie gebacken ...". Beim Eintreten grüßte ich automatisch mit "hej, hej" und wurde freundlich lachend empfangen. Eine Schwedin betreibt diese Buchhandlung mit Kaffeestube, in der man bei einer Tasse Kaffee und einem Stück vom selbstgebackenen Mandelkuchen oder einem Karnelbølle dazu aus deutschsprachigen wie schwedischen Büchern wählen oder einfach nur darin lesen kann – en trevliga svenska ställe i mitten av stora tyska staden! Meine miese Laune besserte sich bereits wieder. Gänzlich wieder versöhnt mit dem Tag war ich dann mit dem hervorragenden Abendessen, einem riesigen Salatteller, genauer mit dem dazugehörigen Dressing: man nehme ein Ei, verquirle es mit einer Prise Zucker schaumig, gebe einen oder zwei oder drei Esslöffel flüssige Sahne hinzu und schmecke mit Salz und Pfeffer ab. Zum Schluss gebe man Püree von frischen Beeren hinzu, wobei sich rote Johannisbeeren oder deren reichliche Beigabe geschmacklich besonders hervortun – einfach köstlich! (Übernachtung in der "Pension Cobi", Jacobiturmstraße 15 in Stralsund in einem kleinen, aber hell und freundlich eingerichteten Zimmer. Obwohl die Pension am Rande der Altstadt lag, war es ruhig in der Umgebung. Das Frühstück bot eine große Auswahl frischer Leckereien.) Sonne über Stralsund Am frühen Morgen schien bereits die Sonne kräftig, es würde warm werden, vielleicht über Mittag zu warm für einen Stadtbummel. Gut, dass meine Pension zentral gelegen war. Nach dem leckeren Frühstück brach ich alsbald auf zur Besichtigungstour, die begann am ... ... "Alten Markt" mit dem ... ... - Backstein-Rathaus, dessen besonders prächtige Marktfassade ein auffallendes Schmuckstück ist, ... ... – "Wulflamhaus" aus der Mitte des 15. Jahrhunderts (Alter Markt 5), ... ... - "Commandanten Hus" von 1746, einst Sitz der Schwedische Kommandantur (Alter Markt 14) und dann weiter ... ... zum "Kniepertor", durch das seit Anfang des 15. Jahrhunderts Besucher Einlass finden, ... ... zum im Jahr 1254 gegründeten Franziskanerkloster "St. Johannis", ... ... zum "Scheele-Haus" von 1350, ... ... zur "Nicolaikirche" aus der Zeit um 1275, ... ... zu den Giebelhäusern an der Mühlenstraße, mit ... ... - einem Dielenhaus aus dem 15. Jahrhundert und ... ... - dem ältesten Giebelhaus der Stadt aus dem 13. Jahrhundert (Mühlenstr. 1), ... ... zur "Bärenapotheke" anno 1568 (an der Badenstraße), ... ... zum "Kütertor", einem Stadttor von 1446, ... ... – mit dem "Torschließerhaus" von 1281, ... ... ("Auferstanden aus Ruinen ..." wird irgendwann auch einmal der "Kampische Hof" sein.) ... ... zum "Knieperwall" mit seinen Wiekhäusern von Anfang des 15. Jahrhunderts, die sich als eingerüstete und verhüllte Großbaustelle zeigten L ... ... zum "Kulturhistorischen Museum" mit dem frühmittelalterlichen Goldschmuck von Hiddensee, das untergebracht ist in einem alten Klosterbau, die Kirche dazu bietet heute dem "Meeresmuseum" Raum, vor dem lange Schlangen auf Einlass warteten, ... ... zum "Neuen Markt" mit ... - der "Marienkirche" erbaut im 14. und 15. Jahrhundert und deren "Stellwagen-Orgel" von 1653, ... ... zum "Museumsspeicher" aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, der durch Umbau zur heutigen Nutzung als Spielzeugmuseum verschandelt wurde, ... ... zur "Jacobikirche", einem leeren Kirchenraum mit einer Kunstausstellung, ... ... zum Hafen mit sanierten Speichern und der alten "Gorch Fock" sowie ... ... zum "Heiliggeistkloster". Zwischendurch habe ich Erdbeeren zur Pension gebracht, auch Äpfel und Bananen, ein anderes Mal Wasser, dann noch getrocknete Chilischoten, die wiegen ja nichts ... . Ein Nickerchen zur Mittagszeit hat auch gut getan. Danach erst strolchte ich zum Hafen. Stralsund ist nämlich der Heimathafen der ersten "Gorch Fock", die im Jahr 1933 auf der Werft von Blohm & Voss in Hamburg vom Stapel gelaufen ist. Um und auf der Bark herrschte reger Betrieb. Von der Treppe hinauf hat man einen schönen Blick über den Hafen, auf die Speicheranlagen und die Silhouette der Altstadt – hübsch anzusehen. Die riesigen Speicher dienen unterschiedlicher Nutzung, in einem befindet sich ein Restaurant. Dort verputzte ich eine ziemlich große Portion Lachs in Zitronenbutter mit Nudeln und einen Salat dazu – wollte doch fit sein für die bevorstehende 65 Kilometer lange Strecke über Greifswald bis nach Lubmin ... wobei ich noch nichts von der Beschaffenheit der Wegstrecke ahnte ... . |
| 75 km | Rumpelpiste, Rumpelkammer Der Weg aus Stralsund hinaus Richtung Greifswald ist leicht zu finden, aber doof zu fahren. Man hatte mir ja bereits den Rat gegeben mit dem Zug zu fahren, aber ich war auf Fahrrad fahren eingestimmt und davon bei diesem guten Wetter nicht abzubringen. Der Radweg entlang einer vielbefahrenen Straße zog sich kilometerweit durch die Peripherie von Stralsund und stetig ein wenig bergauf. Im Bereich der Baustelle "Neubau B 96" nahe dem Rügendamm gab es keine Beschilderung mehr, dafür freundliche Bauarbeiter, die mich einen abenteuerlichen Slalom mal über die neue Teerstraße, dann wieder auf sandigem Boden zur alten B 96 schickten. Die gilt nun als offizieller Radweg zwischen Stralsund und Greifswald – eine Kopfsteinpflastertrasse! Ob auch nur eine der für diese Verkehrslenkung verantwortlichen Personen die Strecke mal mit dem Fahrrad abgefahren ist? Bestimmt niemals auf einem beladenen Reiserad! Nebenan verlief die frisch geteerte, aalglatte Autostraße und wir Fahrradfahrer durften über 35 Kilometer auf dem hubbeligen Kopfsteinpflaster fahren, einen geteerten Radweg hatte man sich gespart. Mit etwa 15 Kilogramm Gepäck am Rad zwei Stunden lang über Kopfsteinpflaster zu strampeln ist wahrlich kein Vergnügen! Und weil die schöne glatte Straße nur mit einer Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h befahren werden durfte, überholten auf der alten Bundesstraße, auf dem etliche Radfahrer unterwegs waren, immer wieder Autos mit mindestens 100 km/h – und das war echt scheiße!! Je weiter ich Richtung Osten kam, umso schlechter wurden Beschilderung und Radwege, wenn überhaupt welche da waren. Sicherlich keine geeignete Region für weitere Fahrradurlaube ... . Und was hatte die Hansestadt Greifswald ihren Besuchern zu bieten? Da waren ... ... die "Jakobikirche", genannt "Kleiner Jakob", aus dem 13. Jahrhundert mit einem nach dem Reiseführer "imposanten Portal". Das war viel zu üppig gestaltet für das kleine Bauwerk, hat mir nicht gefallen und verschlossen war die Kirche auch L . ... die Universitätsbibliothek aus der Zeit um 1750 (am Rubenowplatz) war wegen Renovierungsarbeiten eingerüstet und zugehängt. ... das "Heiliggeist-Hospital" aus dem 13. Jahrhundert mit seinem fachwerk- gesäumten Innenhof aus dem 18. Jahrhundert war nicht zugänglich. ... der Dom "St. Nikolai", genannt "Langer Nikolaus", aus dem 13. Jahrhundert, geschmückt von einer barocken Turmhaube. Die Kirche steht Besuchern offen. ... der Markt mit dem Rathaus bestehend aus einem älteren Gebäudeteil aus dem 14. Jahrhundert und einem Anbau aus der Mitte des 18. Jahrhunderts und der Ratsapotheke sowie einigen Bürgerhäusern, von denen jenes "Markt 11" sich besonders hervorhebt. ... die "Marienkirche", genannt "Dicke Marie", aus dem 13. Jahrhundert. Sie kann ebenfalls besucht werden. ... der "Museumshafen" (mit einem einzigen Frachtsegler drin) nahe dem "Fangenturm" aus dem 14. Jahrhundert und einigen (heruntergekommenen) Speicherhäusern. Viel zu besichtigen gab es ja nicht, doch es tat nach der Kopfsteinpflasterfahrerei gut für einige Zeit das Fahrrad beiseite zu stellen und durch das Städtchen zu bummeln. Die Auswahl an Geschäften und in den Geschäften war eher bescheiden, zumal es sich zumeist um Ramschläden handelte. Kleidung gab es nach der Mode von Vorgestern in Versandhaus-Qualität, aber ein großer Buchladen hatte einige Angebote auch an netten Schreibwaren. Das kleinstädtische Greifswald konnte in mir zwar keine richtige Hansestadt-Stimmung aufkommen lassen, doch eine angenehm entspannte Atmosphäre vermitteln. Am Ufer der Ryck verläuft ein Treidelpfad über den Ortsteil Wieck zum Vorort Eldena. Diesen zu befahren war sehr erholsam. Die Landschaft an dem kleinen Fluss ist idyllisch, das Ufer an vielen Stellen schilfbewachsen. Am Ortseingang nach Wieck steht eine sehr gut erhaltene Bockwindmühle. Über eine hölzerne Klappbrücke von 1887, die regelmäßig zur vollen Stunde geöffnet wird, gelangt man zu den strohgedeckten Kapitäns- und Fischerhäusern in Greifswald-Wieck. Ein Dorf für sich, das liebevoll gepflegte Ortsbild zog an diesem sonnigen Tag sehr viele Besucher an. Von dort war es nicht mehr weit bis zur Ruine des ehemaligen Klosters Eldena. Diese scheint allerhand Sonnenanbeter anzulocken, die es sich - oft mit einem Buch – in den alten Mauern und auf den Bäumen bequem machten. Eine gute Teerstraße führte weiter nach Lubmin, einfach zu finden, doch anstrengend zu fahren, viele Steigungen und Gegenwind. Die zu durchfahrenden Dörfer wirkten allesamt trostlos. Grau verputzte Häuser (viele zwar mit weißen Kunststofffenstern), unbefestigte Bürgersteige, Schlaglöcher in der Straße, keine Blumen vor den Häusern, kaum Bäume in den Gärten. Nicht einmal Katzen oder Hunde schienen sich zwischen dieser toten Materie wohl zufühlen . Eine Entschädigung für diese Plackerei auf dem Weg und die ungemütliche Gegend bot das Ostseebad Lubmin allerdings nicht. Der kleine Ort wirkte schmuddelig, den Häusern fehlte vielfach der Anstrich, dem Kurpark die Bepflanzung - es standen nur ein paar Bäume da. Die tolle Natur, Wald bis zum breiten, feinen Sandstrand und grün-blaues Wasser, vermochten an dem unbehaglichen Eindruck dieses Ortes auch nicht viel zu ändern, zumal auch die 350 Meter lange Seebrücke dringend eine Renovierung nötig gehabt hätte. Bänke waren keine da auf denen man über der Ostsee in der Sonne hätte sitzen können. Die Speisekarte im einzigen am Strand befindlichen Restaurant hatte wenig zu bieten und sah vergilbt und ziemlich verstaubt aus – wenn schon tote Fliegen im Schaukasten liegen ... igitt! Es stimmt mich immer wieder mies, wenn die wunderschöne Umgebung durch ungeeignete Nutzung oder ungepflegte Erscheinung verliert. Einzig die Pizzeria hob sich etwas vom allgemeinen Ortsbild ab, ein Gartenlokal mit sauberer Einrichtung und einer Schiefertafel für das tägliche Angebot. Nach all der Plackerei kamen ein Salatteller und eine Paprika-Pizza an diesem Tag wirklich recht! (Übernachtung im Hotel "Am Park", Villenstraße 15 in Lubmin. Hier war Nomen ganz und gar nicht Omen. Entlang der Villenstraße stehen ebenso unansehnliche Bauten wie überall im Ort. Das winzige Zimmer war ausgestattet mit zwei Feldbetten, der Schrank lies sich nur schwer öffnen, roch muffig. Die Fenster waren seit Jahren nicht mehr geputzt, davon zeugten dicke Spinnweben. Im Bad war kaum Platz sich zu drehen. Wie gut, dass ich keine Wäsche mehr zu waschen hatte. Als ich am Morgen auf den Fahrradschuppen zuging um Moritz rauszuholen, saßen dem gegenüber einige Frauen beim Morgenkaffee. Sie ließen mich auf den verschlossenen Schuppen zugehen, keine rührte sich vom Fleck. Erst als ich nach dem Schlüssel fragte, erhob man sich gaaanz langsam – wie weit ist es eigentlich bis zum "Hotel Klaipeda?" ... Hingegen das Frühstücksbuffet bot eine gute Auswahl frischer Backwaren und Aufschnitt, Marmeladen und Milchprodukten.) |
| 74 km | Die letzte Etappe wird nochmals hart! Das Frühstück wurde ab 7.00 Uhr gereicht, was ich in Anbetracht der langen Fahrtstrecke von 74 Kilometern bis Ahlbeck auf Usedom auch zum frühesten Zeitpunkt genutzt habe. Um halb acht saß ich bereits auf dem Sattel! Die Straße Richtung Wolgast wurde einst als Zuwegung zum "KernKraftWerk Nord" gebaut und wird außer von einigen Bediensteten des nunmehr herkömmlichen Energieversorgers kaum befahren. Nichts fürs Auge am Weg. Die erste Pause dann bei den Fischkuttern im Hafen von Freest, wo etliche Behälter eben erst angelandeten Fisches umgeladen wurden. Es roch etwas streng, die Hafenszenerie war aber ganz nett zu betrachten und eine kurze Pause nach fast 20 Kilometern gegen den Wind tat gut. Doch weiter nach Wolgast das ich mir auch noch ansehen wollte: - Die Backstein-Hallenkirche "St. Petri" aus dem 14. Jahrhundert war noch geschlossen, erst ab 10.00 Uhr, also in einer Stunde, hätte ich mir den Totentanz-Zyklus aus der Zeit um 1700 nach Holzschnitten Hans Holbeins ansehen können. - Das schmucklose Rathaus von 1718 lockte mich nicht weiter als bis zur Touristeninformation, wo ich nach Sehenswürdigkeiten und einem Stadtplan fragte – gibt es nicht in Wolgast. - In einem Speicherhaus aus dem 17. Jahrhundert ist das "Stadtgeschichtliche Museum" untergebracht. - das "Philipp-Otto-Runge-Haus" (in der Kronwiekstr. 45) zeigt eine Dauerausstellung heimischer Künstler. Insgesamt machte die Stadt einen total verschlafenen Eindruck. Geschäfte gab es kaum, der Handel fand entlang der Fußgängerzone auf der Straße statt. Dort hatten Händler mit polnischen Kennzeichen an den Autos ihr Angebot auf Tapeziertischen ausgebreitet, hauptsächlich Lebensmittel und qualitativ minderwertige Kleidung. Ein längerer Aufenthalt wäre echte Zeitverschwendung gewesen. Über die Brücke nach Usedom donnern neben dem Zug auch Autos, viele LKW. Zum Glück hatte man hier an einen separaten Radweg gedacht. Der Blick über den Bodden hinüber nach Usedom war toll, doch romantische Stimmung kam bei dem Verkehrslärm nicht auf. Welche Ruhe dann auf der Insel, über die quer von Wolgast bis Ahlbeck eine neue Straße mit Radweg nebenher führt. Doch auf dem wollte ich (zunächst) nicht fahren, lieber am Ostseeufer entlang. Vorbei an der Mühle von Bannemin erreichte ich dann Zinnowitz und dachte nun an der Küste entlang fahren zu können – Pustekuchen! Kreuz und quer durch den Wald von Ostseeküste zur Boddenküste und wieder zur Ostseeküste, dabei stets über den Inselrücken, auf der einen Seite hinauf und auf der anderen Seite wieder runter führte der Fahrradweg nach Ahlbeck - puhhh. Der herumwabbernde Küstennebel machte bisweilen einen gespenstischen Eindruck und er sorgte für schwüle Luft. Es war sehr anstrengend durch den Wald in diesem Gelände zu fahren und mit dem bepackten Moritz wegen der vielen Fußgänger und Spazierenfahrer kaum durchzukommen. Bei Koserow habe ich mich dann geschlagen gegeben und bin auf den Radweg entlang der Straße. Auch dieser führte auf und ab, doch auf leichter zu befahrendem Untergrund und zudem fast unbenutzt. Die drei "Kaiserbäder" Bansin, Heringsdorf und Ahlbeck wollte ich auf jeden Fall besuchen, hatte gelesen von dem Uferweg, welcher die drei Bäder verbindet. Diese Promenade verfügt ausgewiesen über einen Teil für Fußgänger und eine Spur für Radfahrer. Gute Idee der Verkehrsplaner, doch blöde Urlauber, sie nutzen allesamt beide Streifen und zwar mal rechts und mal links in beide Richtungen – kurz: es war chaotisch! Die Bäderarchitektur von Bansin aus der Zeit um 1897 habe ich mir natürlich angesehen. Das "Kaiserbad" glich aber leider eher einem "Bettlerbad", die Holzhäuser waren weder schmuck noch tip-top-gepflegt, eher bescheiden und manchem Bau hätte ein Eimer Farbe gut getan. Viel Trubel herrschte vor allem an den Verkaufsbuden, es war Mittagszeit und das heißt auch im "Kaiserbad" Fischbrötchenzeit bzw. Bratwurstzeit. Damit bestückt startete so mancher zu einem Spaziergang über die Seebrücke. Das Beste war wieder einmal der breite, weiße Sandstrand. In Ufernähe durch den Wald führt der Weg dann weiter nach Heringsdorf. Hier waren die Strandvillen wirklich prächtig und frisch gestrichen. Allerdings verschandeln einige Hochhäuser (Kliniken und Hotels) den Anblick. Der Strand verdient auch hier beste Noten. Vor der 500 Meter langen Seebrücke dann ein paar Geschäfte, hauptsächlich mit Sanddornprodukten und bunten Postkarten im Angebot. Wie zähe Lavamasse schoben sich die Besucher auf der Promenade entlang – an denen musste ich mit dem dicken Moritz vorbei. Auch Ahlbeck, das dritte der "Kaiserbäder", lockt mit seiner Bäderarchitektur aus der Jugendstilepoche. Einige sehr schöne Gebäude in strahlendem Weiß oder leuchtenden Gelb stehen entlang der Strandpromenade. Darin sind meistens Hotels und Restaurants untergebracht. Doch in der zweiten Reihe lässt der Zustand der Häuser im Ort schon wieder zu wünschen übrig, tristes Grau dominiert entlang kaputter Straßen. Unzählige Besucher drängten sich auf der Suche nach Wer-weiß-nicht-was um die Pavillons längs der Strandpromenade. War der letzte von mir auf dieser Reise besuchte Ostsee-Strand vielleicht sogar der Schönste? Der Wald oberhalb des steil abfallenden Küstenstreifens reichte bis nach Polen hinein, zwischen der Abbruchkante und der blau-grünen See jede Menge feinster Sand. Die 280 Meter lange Seebrücke von 1898 mit einem Restaurant überbaut ist schon etwas Besonderes unter den zahlreichen Seebrücken entlang der deutschen Ostseeküste. Und sie war mein Ziel, Endpunkt der 850 Kilometer langen Ostseeküsten-Radtour 2004! Die glückliche Ankunft musste mit einem Glas "Rotkäppchen Sekt" natürlich gefeiert werden – worüber wir das Zielfoto zu machen vergessen haben ... . __________ E __________ N __________ D __________ E __________ |
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